Aggression in Beziehungen – liegt die Ursache in der Beziehung oder außerhalb?

Aggression in Form von heftigen Streitigkeiten, Wutausbrüchen oder unkontrollierten Reaktionen zeigt sich nicht selten gerade in Partnerschaften und anderen engen Beziehungen.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Ursachen ausschließlich in der Beziehung selbst liegen.
In der therapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass aggressive Reaktionen in einer Partnerschaft durch sehr unterschiedliche Faktoren beeinflusst werden können. Manche davon entstehen unmittelbar in der Beziehung. Andere kommen gewissermaßen von außen mit hinein – zum Beispiel durch Belastungen am Arbeitsplatz. Wieder andere hängen mit früheren Erfahrungen oder psychischen Mustern zusammen, die in der aktuellen Beziehung aktiviert werden.
Im Folgenden möchte ich drei Beispiele zeigen, die solche Zusammenhänge veranschaulichen.
1. Belastungen aus anderen Lebensbereichen werden in die Beziehung mitgenommen
Fallbeispiel:
Eine Frau beginnt eine Therapie, weil sie bemerkt, dass sie ihrem Mann gegenüber immer wieder sehr gereizt und wütend reagiert. Besonders stark wird ihre Reaktion, wenn er sie auf etwas hinweist oder eine kritische Bemerkung macht.
Eigentlich erlebt sie ihren Mann nicht als besonders kritisch. Wenn sie später in Ruhe über die Situationen nachdenkt, erscheinen ihr viele seiner Bemerkungen nachvollziehbar oder zumindest nicht so schwerwiegend, wie sie sie im ersten Moment erlebt hat. Umso weniger versteht sie, warum sie sich so schnell angegriffen fühlt und teilweise sehr heftig reagiert.
In der Therapie wird deshalb genauer betrachtet, ob sie ähnliche Gefühle auch aus anderen Beziehungen oder Lebensbereichen kennt.
Mit der Zeit wird deutlich, dass sie bei der Arbeit immer wieder starke Kritik erlebt. Ihr Vorgesetzter weist sie häufig auf Fehler hin, teilweise auch in Situationen, in denen sie selbst die Kritik als unangemessen oder übertrieben empfindet. Manche Bemerkungen erlebt sie als abwertend. Zeitweise hat sie sogar den Eindruck, gezielt bloßgestellt oder immer wieder negativ herausgehoben zu werden.
Einige dieser Situationen haben für sie bereits Züge von Mobbing oder zumindest einer länger anhaltenden abwertenden Behandlung.
Gegenüber ihrem Vorgesetzten fällt es ihr jedoch schwer, sich zu wehren.
Sie hat Angst, dass eine offene Auseinandersetzung ihre berufliche Situation verschlechtern könnte. Gleichzeitig beginnt sie zunehmend an sich selbst zu zweifeln:
„Vielleicht bin ich wirklich nicht gut genug.“
„Vielleicht mache ich tatsächlich zu viele Fehler.“
„Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.“
So sammelt sich mit der Zeit viel Wut, Kränkung und Hilflosigkeit an, ohne dass sie diese Gefühle dort ausreichend ausdrücken kann.
Zu Hause sagt ihr Mann irgendwann zum Beispiel:
„Du hast das schon wieder vergessen.“
Für ihn ist es möglicherweise nur eine alltägliche Bemerkung. Bei ihr löst dieser Satz jedoch plötzlich eine wesentlich stärkere Reaktion aus.
Sie hört darin nicht nur das, was ihr Mann gerade gesagt hat. Gleichzeitig werden Gefühle aktiviert, die sie bereits aus der Arbeit kennt:
„Schon wieder mache ich etwas falsch.“
„Schon wieder werde ich kritisiert.“
„Ich bin nie gut genug.“
Sie wird wütend, fühlt sich angegriffen und beginnt, sich heftig zu verteidigen oder ihren Mann selbst anzugreifen.
Der Mann ist in dieser Situation zwar der unmittelbare Auslöser der Reaktion. Ein wesentlicher Teil der Wut, Kränkung und Hilflosigkeit ist jedoch bereits vorher in einem anderen Beziehungskontext entstanden.
Psychologisch kann man hier von einer Art Verschiebung sprechen: Gefühle, die in einer Beziehung nicht oder nur schwer ausgedrückt werden können, werden in einer anderen Beziehung aktiviert und dort zum Ausdruck gebracht.
Das bedeutet nicht, dass jede Kritik des Partners unwichtig oder automatisch berechtigt ist. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, warum eine bestimmte Bemerkung eine viel stärkere emotionale Reaktion auslöst, als es allein aus der aktuellen Situation nachvollziehbar wäre.
Ein wichtiger Teil der therapeutischen Arbeit besteht deshalb nicht nur darin, die Konflikte mit dem Ehemann zu betrachten. Es geht auch darum, die Erfahrungen am Arbeitsplatz ernst zu nehmen, besser zwischen aktueller Kritik und früheren oder anderen abwertenden Erfahrungen zu unterscheiden und Möglichkeiten zu entwickeln, sich dort angemessener zu schützen und Grenzen zu setzen.
Gleichzeitig kann die Frau lernen, in der Partnerschaft genauer wahrzunehmen:
„Was sagt mein Mann tatsächlich gerade – und was höre ich zusätzlich aufgrund dessen, was ich an anderer Stelle erlebt habe?“
Mit der Zeit kann sich dadurch auch die Dynamik in der Partnerschaft verändern. Die Frau reagiert weniger schnell so, als würde jede Bemerkung eine grundsätzliche Abwertung ihrer Person bedeuten, und kann gleichzeitig klarer sagen, wenn sie sich tatsächlich verletzt oder unangemessen kritisiert fühlt.
Manchmal liegt ein Teil der Ursache von Aggression in der Partnerschaft deshalb nicht ausschließlich in der Partnerschaft selbst, sondern in Erfahrungen und Gefühlen, die aus einer anderen Beziehung mitgebracht werden.
2. Nicht erkannte Beziehungsmuster können einen Teufelskreis entstehen lassen

Fallbeispiel:
Ein Ehemann hat ein starkes Bedürfnis nach Nähe. Gleichzeitig hat er große Angst davor, verlassen oder nicht mehr geliebt zu werden.
Aus dieser Angst heraus möchte er möglichst viel Zeit mit seiner Frau verbringen. Manchmal versucht er auch, mehr Kontrolle über den Kontakt zu bekommen. Er schreibt ihr sehr häufig, möchte genau wissen, wo sie ist, oder schaut beispielsweise auf ihr Handy.
Seine Frau hat dagegen ein stärkeres Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Abstand. Das kontrollierende Verhalten ihres Mannes erlebt sie als einengend und belastend. Deshalb beginnt sie, sich häufiger zurückzuziehen.
Genau dieser Rückzug trifft wiederum auf die größte Angst des Mannes.
Er erlebt ihn als Zurückweisung und möglicherweise als Bestätigung:
„Sie entfernt sich von mir.“
Seine innere Anspannung steigt. Er versucht vielleicht noch stärker, Nähe herzustellen oder Kontrolle zu gewinnen, und reagiert zunehmend gereizt oder aggressiv.
Die Frau fühlt sich dadurch noch stärker eingeengt und zieht sich weiter zurück.
So kann ein Teufelskreis entstehen:
Angst vor Verlust → mehr Kontrolle → Rückzug der Partnerin → noch stärkere Verlustangst → noch mehr Kontrolle und Anspannung.

Dabei verfolgt der Mann ursprünglich vielleicht sogar ein verständliches Ziel: Er möchte Nähe und Sicherheit in seiner Beziehung erleben.
Sein Verhalten kann jedoch paradoxerweise genau das Gegenteil bewirken und die Distanz vergrößern, vor der er sich eigentlich fürchtet.
In der therapeutischen Arbeit kann ein wichtiger erster Schritt darin bestehen, einen solchen Kreislauf überhaupt zu erkennen.
Für den Mann kann beispielsweise die Einsicht wichtig sein, dass mehr Kontrolle nicht automatisch mehr Nähe schafft. Sie kann vielmehr den Rückzug seiner Frau verstärken.
Dann kann gemeinsam danach gesucht werden, wie Nähe auf eine andere Weise aufgebaut werden kann und wie gleichzeitig die unterschiedlichen Bedürfnisse beider Partner nach Nähe und Eigenständigkeit berücksichtigt werden können.
Der Konflikt zwischen Nähe und Distanz ist dabei nur ein Beispiel.
Ähnliche Spannungsfelder können auch in anderen Bereichen entstehen – zum Beispiel zwischen Geben und Nehmen, Helfen und Überforderung, dem Wunsch nach Anerkennung und der Angst vor Abwertung oder zwischen Autonomie und Kontrolle.
3. Die Beziehung kann alte Verletzungen wieder aktivieren
Fallbeispiel:
Eine Frau wuchs mit einem sehr strengen und kontrollierenden Vater auf. In ihrer Kindheit verbot er ihr häufig Kontakte zu Freundinnen und anderen Gleichaltrigen. Sie fühlte sich dadurch eingeschränkt, ausgeschlossen und einsam.
Als Erwachsene war es ihr deshalb besonders wichtig, ihre sozialen Kontakte selbst bestimmen zu können.
Nach ihrer Heirat und der Geburt eines Kindes wurde die gemeinsame Zeit in der Familie knapper. Ihr Mann schlug irgendwann vor, manche Treffen mit Freundinnen zu reduzieren oder anders zu organisieren, damit sich der Alltag leichter planen ließ.
Die Frau reagierte darauf sehr heftig.
Sie hatte sofort das Gefühl:
„Er will mich kontrollieren.“
In ihrer Wahrnehmung entstand etwas Ähnliches wie früher in der Beziehung zu ihrem Vater. In unbewussten Gedanken erlebte sie die Situation etwa so: „Mein Mann will mich kontrollieren und mich von anderen isolieren.“ Dies war jedoch nicht die Absicht ihres Mannes. Man könnte sagen, dass sich etwas, das sie früher in der Beziehung zu ihrem Vater nicht äußern konnte – unter anderem, weil sie als Kind von ihm abhängig war –, nun Jahre später in der Beziehung zu einem anderen Mann zeigte.
Sein Vorschlag hatte vielmehr ein altes, sehr belastendes Gefühl in ihr aktiviert.
Das aktuelle Verhalten des Partners war der Auslöser. Die besondere Intensität ihrer Reaktion hing jedoch auch mit früheren Erfahrungen zusammen.
Nachdem die Frau diese Verbindung zunehmend erkennen und die früheren Erfahrungen therapeutisch bearbeiten konnte, erlebte sie ähnliche Situationen nicht mehr automatisch auf dieselbe Weise.
Dieses Beispiel zeigt, warum es manchmal wichtig ist, zwischen Ursache und Auslöser zu unterscheiden.
Das bedeutet nicht, dass jede starke Reaktion in einer Partnerschaft aus der Kindheit stammt. Es bedeutet auch nicht, dass problematisches Verhalten des aktuellen Partners einfach hingenommen werden sollte.
Es kann jedoch hilfreich sein, sich zu fragen, warum eine aktuelle Situation so starke Gefühle auslöst.
Manchmal kann die aktuelle Partnerschaft zu einem Ort werden, an dem alte Verletzungen, Ängste oder Erfahrungen wieder spürbar werden – obwohl der heutige Partner nicht der Mensch ist, durch den sie ursprünglich entstanden sind.

Fazit
Aggression in einer Partnerschaft entsteht häufig nicht durch einen einzigen Faktor.
Manchmal wirkt eine Belastung aus einem ganz anderen Lebensbereich in die Beziehung hinein. Manchmal entwickelt sich zwischen beiden Partnern ein wiederkehrender Kreislauf, in dem bestimmte Reaktionen immer wieder neue Reaktionen hervorrufen. Und manchmal werden durch eine aktuelle Situation Erfahrungen und Gefühle aktiviert, deren Ursprung viel weiter zurückliegt.
Welche Faktoren tatsächlich eine Rolle spielen, ist von Beziehung zu Beziehung und von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
Bei manchen Menschen ist ein bestimmter Mechanismus besonders stark ausgeprägt. Bei anderen wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.
Je genauer solche Faktoren erkannt werden, desto klarer kann auch werden, wo eine Veränderung überhaupt ansetzen sollte.
Bei der therapeutischen Arbeit mit Aggression in Beziehungen geht es deshalb häufig nicht nur darum, den nächsten Wutausbruch zu verhindern. Ebenso wichtig kann es sein, die individuellen Mechanismen und wiederkehrenden Muster dahinter zu erkennen und an denjenigen Bereichen zu arbeiten, die einen besonders starken Einfluss auf die aggressiven Reaktionen haben.
Das Verstehen dieser Zusammenhänge entschuldigt aggressives Verhalten nicht. Es kann jedoch helfen, Verantwortung gezielter zu übernehmen und neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit belastenden Situationen anders umzugehen.
Mag. Wojciech Michałek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater
