Wojciech Michalek

Aggression in Beziehungen – liegt die Ursache in der Beziehung oder außerhalb?

Aggression in Form von heftigen Streitigkeiten, Wutausbrüchen oder unkontrollierten Reaktionen zeigt sich nicht selten gerade in Partnerschaften und anderen engen Beziehungen.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Ursachen ausschließlich in der Beziehung selbst liegen.

In der therapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass aggressive Reaktionen in einer Partnerschaft durch sehr unterschiedliche Faktoren beeinflusst werden können. Manche davon entstehen unmittelbar in der Beziehung. Andere kommen gewissermaßen von außen mit hinein – zum Beispiel durch Belastungen am Arbeitsplatz. Wieder andere hängen mit früheren Erfahrungen oder psychischen Mustern zusammen, die in der aktuellen Beziehung aktiviert werden.

Im Folgenden möchte ich drei Beispiele zeigen, die solche Zusammenhänge veranschaulichen.

1. Belastungen aus anderen Lebensbereichen werden in die Beziehung mitgenommen

Fallbeispiel:

Eine Frau beginnt eine Therapie, weil sie bemerkt, dass sie ihrem Mann gegenüber immer wieder sehr gereizt und wütend reagiert. Besonders stark wird ihre Reaktion, wenn er sie um etwas bittet.

Eigentlich liebt sie ihren Mann. Wenn sie später in Ruhe über die Situationen nachdenkt, erscheinen ihr seine Bitten meistens völlig normal. Umso weniger versteht sie, warum sie in diesen Momenten so heftig reagiert.

In der Therapie wird deshalb genauer betrachtet, ob sie ähnliche Gefühle auch aus anderen Lebensbereichen kennt.

Zunächst fällt ihr nichts Besonderes auf. Mit der Zeit erkennt sie jedoch, dass sie sich bei der Arbeit häufig von ihrem Vorgesetzten ausgenutzt und überfordert fühlt. Er gibt ihr immer wieder zusätzliche Aufgaben und bittet sie häufig um weitere Dinge.

Sie würde ihm gerne sagen, dass es ihr zu viel wird. Gleichzeitig fällt ihr das sehr schwer.

Sie hat bereits erlebt, dass ihre Rückmeldungen nicht immer ernst genommen werden. Außerdem hat sie Angst, als wenig engagierte oder unzuverlässige Mitarbeiterin wahrgenommen zu werden. Vielleicht könnte ihr Vorgesetzter enttäuscht sein. Vielleicht hätte eine deutlichere Abgrenzung sogar berufliche Konsequenzen.

Deshalb sagt sie häufig nichts und unterdrückt ihre Frustration.

Zu Hause lösen die Bitten ihres Mannes dann ähnliche Gefühle aus: Wieder möchte jemand etwas von ihr, wieder soll sie etwas erledigen. Im Unterschied zur Arbeit besteht hier jedoch nicht dieselbe Angst vor beruflichen Konsequenzen. Die angestaute Frustration entlädt sich deshalb immer wieder in der Beziehung.

Der Mann ist in diesem Beispiel zwar der unmittelbare Auslöser der Reaktion, ein wichtiger Teil der Belastung ist jedoch bereits vorher und außerhalb der Partnerschaft entstanden.

Ein wesentlicher Teil der therapeutischen Arbeit besteht deshalb nicht nur darin, die Wutausbrüche zu betrachten. Es geht auch darum, die Situation am Arbeitsplatz zu verändern, eigene Grenzen ernster zu nehmen und Möglichkeiten zu finden, Überforderung früher anzusprechen.

Für die Frau ist das zunächst schwierig. Sie erlebt ihre Situation fast wie eine Falle:

Entweder lässt sie sich weiterhin überfordern – oder sie wehrt sich und befürchtet negative Konsequenzen.

Die Arbeit an diesem inneren Konflikt und die daraus entstehenden praktischen Veränderungen tragen schließlich dazu bei, dass auch ihre Wutausbrüche zu Hause deutlich seltener werden.

Manchmal beginnt die Arbeit an Aggression in einer Partnerschaft deshalb überraschenderweise in einem ganz anderen Lebensbereich.

2. Nicht erkannte Beziehungsmuster können einen Teufelskreis entstehen lassen

Fallbeispiel:

Ein Ehemann hat ein starkes Bedürfnis nach Nähe. Gleichzeitig hat er große Angst davor, verlassen oder nicht mehr geliebt zu werden.

Aus dieser Angst heraus möchte er möglichst viel Zeit mit seiner Frau verbringen. Manchmal versucht er auch, mehr Kontrolle über den Kontakt zu bekommen. Er schreibt ihr sehr häufig, möchte genau wissen, wo sie ist, oder schaut beispielsweise auf ihr Handy.

Seine Frau hat dagegen ein stärkeres Bedürfnis nach Eigenständigkeit und Abstand. Das kontrollierende Verhalten ihres Mannes erlebt sie als einengend und belastend. Deshalb beginnt sie, sich häufiger zurückzuziehen.

Genau dieser Rückzug trifft wiederum auf die größte Angst des Mannes.

Er erlebt ihn als Zurückweisung und möglicherweise als Bestätigung:

„Sie entfernt sich von mir.“

Seine innere Anspannung steigt. Er versucht vielleicht noch stärker, Nähe herzustellen oder Kontrolle zu gewinnen, und reagiert zunehmend gereizt oder aggressiv.

Die Frau fühlt sich dadurch noch stärker eingeengt und zieht sich weiter zurück.

So kann ein Teufelskreis entstehen:

Angst vor Verlust → mehr Kontrolle → Rückzug der Partnerin → noch stärkere Verlustangst → noch mehr Kontrolle und Anspannung.

Dabei verfolgt der Mann ursprünglich vielleicht sogar ein verständliches Ziel: Er möchte Nähe und Sicherheit in seiner Beziehung erleben.

Sein Verhalten kann jedoch paradoxerweise genau das Gegenteil bewirken und die Distanz vergrößern, vor der er sich eigentlich fürchtet.

In der therapeutischen Arbeit kann ein wichtiger erster Schritt darin bestehen, einen solchen Kreislauf überhaupt zu erkennen.

Für den Mann kann beispielsweise die Einsicht wichtig sein, dass mehr Kontrolle nicht automatisch mehr Nähe schafft. Sie kann vielmehr den Rückzug seiner Frau verstärken.

Dann kann gemeinsam danach gesucht werden, wie Nähe auf eine andere Weise aufgebaut werden kann und wie gleichzeitig die unterschiedlichen Bedürfnisse beider Partner nach Nähe und Eigenständigkeit berücksichtigt werden können.


Der Konflikt zwischen Nähe und Distanz ist dabei nur ein Beispiel.

Ähnliche Spannungsfelder können auch in anderen Bereichen entstehen – zum Beispiel zwischen Geben und Nehmen, Helfen und Überforderung, dem Wunsch nach Anerkennung und der Angst vor Abwertung oder zwischen Autonomie und Kontrolle.

3. Die Beziehung kann alte Verletzungen wieder aktivieren

Fallbeispiel:

Eine Frau wuchs mit einem sehr strengen und kontrollierenden Vater auf. In ihrer Kindheit verbot er ihr häufig Kontakte zu Freundinnen und anderen Gleichaltrigen. Sie fühlte sich dadurch eingeschränkt, ausgeschlossen und einsam.

Als Erwachsene war es ihr deshalb besonders wichtig, ihre sozialen Kontakte selbst bestimmen zu können.

Nach ihrer Heirat und der Geburt eines Kindes wurde die gemeinsame Zeit in der Familie knapper. Ihr Mann schlug irgendwann vor, manche Treffen mit Freundinnen zu reduzieren oder anders zu organisieren, damit sich der Alltag leichter planen ließ.

Die Frau reagierte darauf sehr heftig.

Sie hatte sofort das Gefühl:

„Er will mich kontrollieren.“

In ihrer Wahrnehmung entstand etwas Ähnliches wie früher in der Beziehung zu ihrem Vater. In unbewussten Gedanken erlebte sie die Situation etwa so: „Mein Mann will mich kontrollieren und mich von anderen isolieren.“ Dies war jedoch nicht die Absicht ihres Mannes. Man könnte sagen, dass sich etwas, das sie früher in der Beziehung zu ihrem Vater nicht äußern konnte – unter anderem, weil sie als Kind von ihm abhängig war –, nun Jahre später in der Beziehung zu einem anderen Mann zeigte.

Sein Vorschlag hatte vielmehr ein altes, sehr belastendes Gefühl in ihr aktiviert.

Das aktuelle Verhalten des Partners war der Auslöser. Die besondere Intensität ihrer Reaktion hing jedoch auch mit früheren Erfahrungen zusammen.

Nachdem die Frau diese Verbindung zunehmend erkennen und die früheren Erfahrungen therapeutisch bearbeiten konnte, erlebte sie ähnliche Situationen nicht mehr automatisch auf dieselbe Weise.

Dieses Beispiel zeigt, warum es manchmal wichtig ist, zwischen Ursache und Auslöser zu unterscheiden.

Das bedeutet nicht, dass jede starke Reaktion in einer Partnerschaft aus der Kindheit stammt. Es bedeutet auch nicht, dass problematisches Verhalten des aktuellen Partners einfach hingenommen werden sollte.

Es kann jedoch hilfreich sein, sich zu fragen, warum eine aktuelle Situation so starke Gefühle auslöst.

Manchmal kann die aktuelle Partnerschaft zu einem Ort werden, an dem alte Verletzungen, Ängste oder Erfahrungen wieder spürbar werden – obwohl der heutige Partner nicht der Mensch ist, durch den sie ursprünglich entstanden sind.

Fazit

Aggression in einer Partnerschaft entsteht häufig nicht durch einen einzigen Faktor.

Manchmal wirkt eine Belastung aus einem ganz anderen Lebensbereich in die Beziehung hinein. Manchmal entwickelt sich zwischen beiden Partnern ein wiederkehrender Kreislauf, in dem bestimmte Reaktionen immer wieder neue Reaktionen hervorrufen. Und manchmal werden durch eine aktuelle Situation Erfahrungen und Gefühle aktiviert, deren Ursprung viel weiter zurückliegt.

Welche Faktoren tatsächlich eine Rolle spielen, ist von Beziehung zu Beziehung und von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Bei manchen Menschen ist ein bestimmter Mechanismus besonders stark ausgeprägt. Bei anderen wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.

Je genauer solche Faktoren erkannt werden, desto klarer kann auch werden, wo eine Veränderung überhaupt ansetzen sollte.

Bei der therapeutischen Arbeit mit Aggression in Beziehungen geht es deshalb häufig nicht nur darum, den nächsten Wutausbruch zu verhindern. Ebenso wichtig kann es sein, die individuellen Mechanismen und wiederkehrenden Muster dahinter zu erkennen und an denjenigen Bereichen zu arbeiten, die einen besonders starken Einfluss auf die aggressiven Reaktionen haben.

Das Verstehen dieser Zusammenhänge entschuldigt aggressives Verhalten nicht. Es kann jedoch helfen, Verantwortung gezielter zu übernehmen und neue Möglichkeiten zu entwickeln, mit belastenden Situationen anders umzugehen.

Mag. Wojciech Michałek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater

 

Leiten Sie den Artikel weiter
Call Now Button