Wojciech Michalek

Inhalt dieses Artikels

  • Was kann hinter aggressivem Verhalten bei kleinen Kindern stehen?
  • Wie kann ein Kind durch Schlagen, Schreien oder bestimmte Aussagen etwas ausdrücken, was es noch nicht in Worte fassen kann?
  • Was zeigt das Fallbeispiel eines vierjährigen Kindes?
  • Wie können Eltern versuchen, die Ursachen aggressiven Verhaltens besser zu verstehen?
Mutter und Vater hören ihrem kleinen Sohn auf dem Sofa aufmerksam zu.

 

Aggressives Verhalten bei kleinen Kindern verstehen

Verhaltensweisen kleiner Kinder wie Schlagen, Treten, das Werfen mit Gegenständen oder Schreien können für Eltern eine große Herausforderung darstellen. Ähnlich belastend können Aussagen sein wie:

„Ich liebe dich nicht mehr.“
„Du bist schlecht.“

Einerseits möchten Eltern nicht, dass sich ihr eigenes Kind auf diese Weise verhält. Andererseits weckt ein solches Verhalten häufig starke Emotionen bei ihnen – besonders dann, wenn sie sich dadurch von anderen beobachtet, beurteilt oder sogar verurteilt fühlen.

Oft bemühen sich Eltern mit unterschiedlichen Methoden darum, ihrem Kind beizubringen, sich anders zu verhalten. Trotzdem kommt es manchmal immer wieder zu denselben Situationen.

Dieser Artikel soll dazu anregen, über eine bestimmte Möglichkeit nachzudenken: nämlich darüber, dass Aggression bei kleinen Kindern manchmal eine Art verschlüsselte Sprache des Kindes sein kann, durch die es etwas ausdrückt, was es noch nicht auf andere Weise mitteilen oder innerlich aushalten kann.

Wenn es gelingt, diese Botschaft ein Stück weit zu entschlüsseln, kann dies auch dabei helfen, das Kind besser zu unterstützen.

Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass hinter aggressivem Verhalten immer ausschließlich psychische Ursachen stehen müssen. Auch biologische, entwicklungsbedingte oder andere Faktoren können eine Rolle spielen oder einen starken Einfluss auf das Verhalten haben.

Die Tatsache, dass hinter Aggression bestimmte Ursachen stehen können, soll aggressives Verhalten nicht rechtfertigen oder entschuldigen. Sie kann vielmehr einen Weg zeigen, über den geeignetere Lösungen gefunden werden können.

Grenzen zu setzen kann deshalb durchaus hilfreich und notwendig sein. Grenzen können auch dazu führen, dass ein bestimmtes Verhalten nicht mehr auftritt. Das ist jedoch nicht automatisch damit gleichzusetzen, dass auch das zugrunde liegende Problem gelöst wurde. Es kann sich beim Kind möglicherweise auf eine andere Weise zeigen oder weiterhin eine innere Belastung darstellen.

Was damit konkret gemeint ist, möchte ich anhand des folgenden Beispiels darstellen.

Ein Fallbeispiel: Marco, vier Jahre alt

Marco war vier Jahre alt. Immer wieder verlangte er nach Süßigkeiten.

Wenn seine Mutter ihm keine geben wollte, reagierte er manchmal sehr heftig. Er schlug sie und sagte:

„Du bist schlecht.“

Oder:

„Ich liebe dich nicht mehr.“

Für seine Mutter war dieses Verhalten schwer verständlich. Sie wollte ihrem Sohn nicht zu viele Süßigkeiten geben. Sie wollte nicht, dass er sich zu stark daran gewöhnte oder dass es seiner Gesundheit schadete, und setzte deshalb Grenzen.

Auf den ersten Blick könnte man leicht denken:

Marco bekam nicht das, was er wollte, und reagierte deshalb mit Wut.

Oder vielleicht:

„Er muss lernen, Grenzen zu akzeptieren.“

Oder:

„Vielleicht ist er verwöhnt.“

Im Verlauf der therapeutischen Arbeit zeigte sich jedoch noch etwas anderes.

Was Marco im Spiel zeigte

Ein Vater und sein kleines Kind spielen gemeinsam mit einem hölzernen Puppenhaus.

 

Während einer Therapiestunde spielte Marco mit einem Puppenhaus.

In einer Szene stellte er zwei Erwachsene dar, die sich Sorgen um ihre finanzielle Situation machten. Sinngemäß sprachen sie darüber:

„Was passiert, wenn du deine Arbeit verlierst?“
„Was machen wir dann?“

In einer anderen Szene stritten sich die beiden Erwachsenen darüber, wer sich um ein kleines Kind kümmern sollte.

Als Marco später danach gefragt wurde, ob er ähnliche Situationen kenne, erzählte er, dass seine Mutter und sein Vater in letzter Zeit häufig über die Arbeit gesprochen hätten.

Seine körperliche Reaktion während dieses Gesprächs wies darauf hin, dass dieses Thema in diesem Augenblick eine starke Anspannung bei ihm auslöste.

Er sagte:

„Mama ist dann traurig. Ich will das nicht.“

Auch die zweite Spielszene bekam im Gespräch eine besondere Bedeutung. Marco hatte die Auseinandersetzungen seiner Eltern darüber, wer gerade Zeit mit ihm verbringen konnte, offenbar anders verstanden als die Erwachsenen.

Seine Eltern erlebten die Situation möglicherweise eher so:

„Wir sind beide erschöpft. Wer kann sich jetzt um Marco kümmern?“

Marco verstand sie jedoch eher als:

„Mama und Papa wollen nicht mit mir spielen. Vielleicht mögen sie mich nicht.“

Als er darüber sprach, wirkte er sehr traurig.

Dieselbe Situation kann für Eltern und Kind etwas anderes bedeuten

Im anschließenden Elterngespräch wurden diese Beobachtungen gemeinsam besprochen.

Den Eltern war zunächst nicht bewusst gewesen, wie stark Marco ihre Sorgen um Arbeit und Geld wahrgenommen hatte.

Auch konnten sie zunächst nur schwer verstehen, weshalb er ihre Gespräche darüber, wer mit ihm spielen sollte, als Ablehnung erlebt hatte. Schließlich spielten sie oft mit ihm, unternahmen gemeinsam Dinge und liebten ihren Sohn sehr.

Gleichzeitig konnten sie nach und nach nachvollziehen, dass Marco die Situation aus seiner kindlichen Perspektive anders interpretiert hatte.

Was für die Eltern Ausdruck von Erschöpfung und dem Bedürfnis nach Erholung gewesen war, konnte von Marco als persönliche Ablehnung verstanden werden.

Niemand hatte ihm gesagt:

„Wir wollen nicht mit dir zusammen sein.“

Trotzdem konnte sich die Situation für ihn so angefühlt haben.

Was hatte das mit den Süßigkeiten zu tun?

Im Verlauf der Gespräche stellte sich heraus, dass Marco besonders häufig nach Süßigkeiten verlangte, wenn er angespannt, traurig oder verunsichert gewesen war.

Das bedeutete nicht, dass sein Wunsch nach Süßigkeiten ausschließlich psychische Ursachen hatte.

Kinder mögen Süßes natürlich auch einfach deshalb, weil es gut schmeckt. Sie können sich außerdem stark daran gewöhnen. In bestimmten Situationen können Süßigkeiten darüber hinaus auch eine beruhigende Funktion bekommen.

Bei Marco schienen sie in diesen bestimmten Situationen zusätzlich dabei zu helfen, unangenehme Gefühle kurzfristig zu beruhigen.

Wenn man sein Verhalten versuchsweise in Worte übersetzen würde, könnte dahinter etwas stehen wie:

„Ich bin beunruhigt und weiß nicht, wie ich mit diesem Gefühl umgehen soll. Die Süßigkeiten helfen mir für einen Moment, mich besser zu fühlen.“

Wenn die Mutter ihm die Süßigkeiten anschließend verweigerte, verlor Marco gleichzeitig eine Möglichkeit, mit dieser inneren Anspannung umzugehen.

Sein Schlagen oder Schreien könnte dann sinngemäß ausdrücken:

„Ich halte das gerade nicht gut aus und kenne noch keinen anderen Weg, damit umzugehen.“

Es handelt sich dabei nicht um Gedanken, die ein vierjähriges Kind bewusst in genau dieser Form haben muss.

Es ist vielmehr eine mögliche psychotherapeutische Übersetzung dessen, was sich über sein Verhalten zeigte.

„Mama, ich liebe dich nicht mehr“

Auch die Aussage:

„Mama, ich liebe dich nicht mehr.“

bedeutete nicht, dass Marco seine Mutter tatsächlich nicht liebte.

Möglicherweise brachte er damit ein Gefühl zum Ausdruck, das er selbst in anderen Situationen erlebt hatte.

Sinngemäß könnte darin etwas liegen wie:

„Spür einmal, wie es sich für mich anfühlt, wenn ich glaube, dass ihr mich nicht wollt.“

Es könnte so verstanden werden, als ob Marco etwas, das ihn innerlich belastete und für ihn schwer auszuhalten war, gewissermaßen von sich weg und auf einen anderen Menschen übertragen wollte, damit er selbst dieses Gefühl zumindest für einen Moment nicht mehr so stark spüren musste.

Kleine Kinder können ihre Gefühle noch sehr unmittelbar erleben. In manchen Situationen kann sich ein Gefühl für sie so anfühlen, als wäre es die Realität selbst.

Für Marco konnte dies möglicherweise bedeuten:

„Die Menschen, die mir am wichtigsten sind, wollen mich nicht.“

Dass Marco dies so empfand, bedeutete jedoch nicht, dass seine Eltern ihn tatsächlich ablehnten.

Seine Eltern liebten ihn und kümmerten sich um ihn. Trotzdem konnte sich eine bestimmte Situation aus seiner kindlichen Perspektive anders anfühlen.

Was wurde mit den Eltern besprochen?

Eine Mutter hört ihrem Sohn beim Gespräch auf dem Wohnzimmerboden aufmerksam zu.

 

Ein Teil der Arbeit bestand darin, Marco dabei zu helfen, das Verhalten seiner Eltern besser einzuordnen.

Die finanziellen Sorgen sollten nicht einfach vor ihm geheim gehalten werden. Gleichzeitig war es wichtig, mit ihm in einer seinem Alter entsprechenden Weise darüber zu sprechen und ihm Sicherheit zu vermitteln.

Zum Beispiel konnte ihm erklärt werden, dass Erwachsene manchmal Sorgen wegen ihrer Arbeit haben, dass diese Sorgen jedoch nichts mit ihm zu tun haben und dass seine Eltern versuchen, Lösungen dafür zu finden.

Auch die Situationen, in denen seine Eltern erschöpft waren und nicht mit ihm spielen konnten, wurden anders begleitet.

Es ging dabei ausdrücklich nicht darum, dass die Eltern nun immer mit Marco spielen oder jeden seiner Wünsche erfüllen sollten.

Vielmehr sollte Marco nach und nach erfahren:

„Mama oder Papa können gerade keine Zeit für mich haben und mich trotzdem lieben.“

So konnte einerseits seine Fähigkeit wachsen, eine gewisse zeitweise Abwesenheit oder Nichtverfügbarkeit der Eltern besser auszuhalten – natürlich nur in einem Ausmaß, das seinem Alter und seinen Möglichkeiten entsprach.

Andererseits wurde sein Bezug zur tatsächlichen Beziehung gestärkt – zu den vielen Situationen, in denen er Zuwendung, Nähe und Liebe von seinen Eltern erlebte.

Was veränderte sich?

Nach der therapeutischen Arbeit mit Marco und seinen Eltern sowie nach bestimmten Veränderungen im Umgang mit diesen Situationen bemerkten die Eltern, dass Marco deutlich seltener aggressiv reagierte.

Entscheidend war dabei nicht nur, das Schlagen zu unterbinden.

Dadurch, dass die Eltern besser verstanden, was Marco belastete und wie er bestimmte Situationen interpretierte, konnten sie ihn auch besser dabei unterstützen, mit diesen Situationen und den damit verbundenen Gefühlen umzugehen.

Psychotherapeutischer Kommentar

Das Beispiel zeigt eine mögliche Perspektive auf aggressives Verhalten bei kleinen Kindern.

Hinter einer aggressiven Reaktion kann etwas stehen, das zunächst nicht sichtbar ist.

Das bedeutet nicht, dass jedes aggressive Verhalten eines Kindes eine verborgene psychische Ursache haben muss. Es bedeutet auch nicht, dass jede aggressive Reaktion auf dieselbe Weise verstanden werden kann.

Es kann jedoch hilfreich sein, sich dafür zu interessieren, ob das sichtbare Verhalten möglicherweise eine Spur zu etwas anderem darstellt – zu etwas, womit das Kind noch nicht zurechtkommt oder was es noch nicht direkt ausdrücken kann.

Eltern als eine Art „liebevolle Detektive“

Vielleicht kann man sich die Aufgabe der Eltern manchmal wie die eines liebevollen Detektivs vorstellen, der sich dafür interessiert, ob ein bestimmtes Verhalten eine Spur zu etwas anderem sein könnte und wohin diese Spur möglicherweise führt.

Dabei geht es nicht darum, hinter jedem Verhalten unbedingt etwas Verborgenes finden zu müssen.

Es müssen auch nicht immer Belastungen derselben Art sein wie in dem hier dargestellten Beispiel.

Hinter aggressivem Verhalten bei kleinen Kindern können sehr unterschiedliche Ursachen stehen.

Es kann beispielsweise tatsächlich darum gehen, dass ein Kind Schwierigkeiten damit hat, Grenzen zu akzeptieren – vielleicht weil es bisher daran gewöhnt war, dass bestimmte Wünsche häufig erfüllt wurden.

Es können aber ebenso andere psychische, entwicklungsbedingte, biologische, organische oder genetische Faktoren eine Rolle spielen.

Deshalb ist es wichtig, aggressives Verhalten eines Kindes individuell einzuschätzen und im Zusammenhang mit seiner konkreten Situation zu verstehen.

Dabei kann es hilfreich sein, nicht nur zu fragen:

„Wie kann ich erreichen, dass mein Kind damit aufhört?“

sondern zusätzlich:

„Warum verhält sich mein Kind gerade auf diese Weise?“
„Was könnte hinter diesem Verhalten stehen?“

und:

„Was braucht mein Kind, damit es mit dem, was es gerade erlebt, auf eine andere Weise umgehen kann?“

Autor: Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater

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