Wojciech Michalek

Warum reagiert man weiterhin aggressiv, obwohl man es nicht will? – Psychologische Erklärungen - Aggression Ursachen

 

Nicht selten reagieren Menschen weiterhin aggressiv, obwohl sie ihr Verhalten eigentlich verändern möchten. Sie nehmen sich vor, beim nächsten Mal ruhiger zu bleiben, entschuldigen sich nach einem Streit oder versuchen, ihre Wut stärker zu kontrollieren. Trotzdem kommt es irgendwann wieder zu einem ähnlichen Ausbruch.

Ein Grund dafür kann sein, dass Aggression häufig nicht isoliert entsteht. Hinter dem sichtbaren Verhalten können psychische Mechanismen, Belastungen oder bestimmte Denk- und Verhaltensmuster stehen. Wenn man nur versucht, den Ausbruch selbst zu verhindern, ohne diese Zusammenhänge zu erkennen, kann eine dauerhafte Veränderung schwierig werden.

Drei typische Mechanismen möchte ich hier näher beschreiben.

 

I. Man arbeitet an der Aggression, aber nicht an dem Mechanismus dahinter

Fallbeispiel:

Ein Mann kommt zur Therapie, weil er zu Hause immer häufiger gereizt und aggressiv reagiert. Er wird schnell laut, streitet heftig und merkt selbst, dass seine Reaktionen nicht angemessen sind.

Zu Beginn sieht er das Problem vor allem in seiner Aggression. Er möchte lernen, sich besser zu kontrollieren und nicht mehr so schnell auszurasten.

Bei einer genaueren Betrachtung zeigt sich jedoch, dass sein Alltag dauerhaft von Überforderung geprägt ist. Er arbeitet viel, übernimmt zahlreiche zusätzliche Aufgaben und hilft anderen, wann immer er darum gebeten wird. Es fällt ihm sehr schwer, Nein zu sagen oder die eigenen Grenzen zu schützen.

Einerseits möchte er niemanden enttäuschen und hat das Gefühl, für andere da sein zu müssen. Andererseits führt genau dieses Verhalten dazu, dass er immer erschöpfter und frustrierter wird. Er übernimmt mehr, als er eigentlich bewältigen kann, nimmt seine eigenen Bedürfnisse kaum wahr und bemerkt nicht, wie sich die innere Anspannung zunehmend aufbaut.

Der spätere Wutausbruch ist dann nur der sichtbarste Teil eines Prozesses, der viel früher begonnen hat.

In der Therapie arbeitet der Mann daran, seine eigenen Grenzen besser wahrzunehmen und zu schützen. Er lernt, sich zu erlauben, auch einmal Nein zu sagen, Bitten abzulehnen und Überforderung früher zu erkennen.

Durch die Veränderungen in diesen Bereichen und die Arbeit an weiteren Ursachen seiner aggressiven Reaktionen gelingt es ihm schließlich, nicht mehr aggressiv zu reagieren.

Manchmal bedeutet die Arbeit an Aggression deshalb, an einem Problem zu arbeiten, das auf den ersten Blick gar nicht unmittelbar mit Aggression zu tun hat – wie in diesem Fall am Setzen von Grenzen, am Nein-Sagen und am Schutz vor Überforderung.

 
II. Man verurteilt sich selbst als ganze Person

Eine weitere Falle ist die Verurteilung der gesamten eigenen Person aufgrund eines konkreten problematischen Verhaltens.

Fallbeispiel:

Eine Frau kommt wegen aggressiver Reaktionen in die Therapie. In stark aufgewühlten Situationen hat sie in Anwesenheit ihres Mannes Gegenstände herumgeworfen. Solche Situationen wiederholen sich bereits seit Jahren.

Das Verhalten ist problematisch, und es ist wichtig, dessen Folgen ernst zu nehmen.

Bei ihr zeigt sich jedoch zusätzlich ein anderer Mechanismus: Nach solchen Situationen betrachtet sie nicht nur ihr Verhalten kritisch. Ihr gesamtes Bild von sich selbst verändert sich.

Aus:

„Ich habe etwas Falsches getan.“

wird:

„Ich bin schlecht.“

In diesem Moment kann sie ihre anderen Eigenschaften kaum noch wahrnehmen. Dass sie in vielen Situationen hilfsbereit, verantwortungsvoll oder liebevoll ist, spielt in ihrem inneren Bild plötzlich fast keine Rolle mehr. Ein konkretes problematisches Verhalten beginnt ihre Wahrnehmung der gesamten eigenen Person zu bestimmen.

Eine solche Selbstverurteilung kann starke Scham, Schuldgefühle und Verzweiflung auslösen. Bei dieser Frau ist die Angst vor Verurteilung so stark, dass sie sich lange nicht traut, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie fürchtet, auch dort als Person verurteilt zu werden.

Erst als sie erlebt, dass es in der Therapie nicht darum geht, sie als Menschen zu verurteilen, sondern ihr dabei zu helfen, ihr Verhalten zu verstehen und zu verändern, kann sie sich auf die Unterstützung einlassen.

Das bedeutet keineswegs, das Verhalten zu bagatellisieren oder Verantwortung abzugeben. Gerade das Gegenteil ist gemeint:

Man kann Verantwortung für eine aggressive Handlung übernehmen, ohne sich deshalb als gesamte Person zu verurteilen.

III. Der Wunsch nach Veränderung entsteht vor allem unmittelbar nach dem Ausbruch oder aus einem Impuls heraus

Ein weiterer Mechanismus zeigt sich häufig direkt nach einer aggressiven Reaktion.

Nach einem heftigen Streit können Schuldgefühle, Scham und Angst sehr stark sein. Vielleicht sieht man, wie sehr die andere Person verletzt wurde. Vielleicht entsteht die Angst, den Partner zu verlieren oder die Familie zu gefährden.

In diesem Moment kann der Wunsch nach Veränderung vollkommen ehrlich und sehr stark sein:

„So möchte ich nie wieder reagieren.“

Das Problem ist nicht, dass dieser Wunsch unecht wäre. Er kann jedoch sehr stark an die Gefühle gebunden sein, die unmittelbar nach dem Ausbruch entstehen.

Gerade bei Menschen, die zu einer starken Selbstverurteilung neigen, kann nach einem aggressiven Verhalten sehr schnell der Gedanke aktiviert werden:

„Ich bin ein schlechter Mensch.“

Dieses Gefühl kann kaum auszuhalten sein.

Eine Entschuldigung, ein Versprechen oder die Entscheidung, sich sofort zu verändern, kann dann nicht nur Ausdruck ehrlicher Reue sein. Sie kann gleichzeitig dabei helfen, Schuldgefühle, Angst und Selbstverurteilung möglichst schnell zu beruhigen.

Wenn die Entschuldigung angenommen wird und sich die Situation wieder entspannt, nimmt auch der innere Druck ab.

Und genau hier kann eine Falle entstehen.

Mit der Erleichterung verschwindet manchmal auch ein Teil der Motivation, sich weiter intensiv mit dem Problem auseinanderzusetzen. Das Leben normalisiert sich, während die tieferliegenden Mechanismen zunächst unverändert bleiben.

Nach einiger Zeit kann sich erneut Anspannung aufbauen – und es kommt wieder zu einer ähnlichen Reaktion.

Deshalb ist es hilfreich, wenn aus dem ersten starken Impuls nach einem Ausbruch mit der Zeit eine stabilere Einsicht entsteht:

„Ich möchte nicht nur deshalb etwas verändern, weil ich mich gerade schuldig fühle oder Angst vor den Konsequenzen habe. Ich erkenne, dass dieses Verhalten ein Problem ist, und möchte verstehen, was dahintersteht und was ich langfristig verändern kann.“

Manchmal kann es hilfreich sein, sich selbst zu fragen:

Warum möchte ich mich verändern?

a) Weil ich nach meinem letzten Verhalten gerade starke Schuldgefühle habe, mich schlecht fühle und dieser Zustand für mich kaum auszuhalten ist?

Oder zusätzlich:

b) Weil ich erkannt habe, dass ich immer wieder problematisch reagiere, dass sich ein bestimmtes Muster wiederholt und dass mich innerlich möglicherweise etwas belastet oder überfordert, was leicht in aggressive Reaktionen münden kann?

Angst, Schuldgefühle oder äußerer Druck können durchaus der Anfang einer Veränderung sein. Manchmal reichen sie allein jedoch nicht aus oder wirken nur kurzfristig.

Langfristig kann es wichtig sein, zusätzlich zu erkennen:

Hinter meinen aggressiven Reaktionen können weitere Probleme und Mechanismen stehen, an denen ich arbeiten kann, damit sich auch meine Reaktionen verändern.

Fazit

Die hier beschriebenen Mechanismen sind nur einige Beispiele dafür, warum Menschen weiterhin aggressiv reagieren können, obwohl sie es eigentlich nicht wollen.

Die Gründe sind individuell und häufig vielfältig.

Manchmal fehlen konkrete Techniken und Methoden, um in schwierigen Situationen anders zu reagieren. Manchmal werden psychische Belastungen oder andere Probleme nicht erkannt, die zu erhöhter Reizbarkeit beitragen können. Auch eine bislang nicht erkannte Depression kann beispielsweise bei manchen Menschen mit stärkerer Reizbarkeit einhergehen. Darüber hinaus können zahlreiche weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Deshalb sollte immer die individuelle Situation betrachtet werden. Wenn aggressive Reaktionen wiederholt auftreten, sehr belastend sind oder andere Menschen gefährden, ist es wichtig, professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Mag. Wojciech Michałek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater

 

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