Wojciech Michalek

Unkontrollierte Wutausbrüche bei Erwachsenen – scheinbar aus dem Nichts, tatsächlich nicht ohne Grund

Inhalt

Bei vielen Menschen, die bei sich Probleme mit Wut oder Aggression bemerken, kann man Sätze hören wie:

„Eigentlich war nichts.“

„Es war nur eine Kleinigkeit – und plötzlich bin ich ausgerastet.“

Oft verstehen sie selbst nicht, warum ihre Reaktion so stark war. Gleichzeitig merken sie, dass es ihnen in solchen Situationen schwerfällt, anders zu reagieren.

Aus psychotherapeutischer Perspektive kann man solche Situationen jedoch noch auf eine andere Weise betrachten:

Hinter dem, was zunächst unwichtig oder wie „nichts“ erscheint, kann etwas sehr Wichtiges stehen – etwas, das der betroffenen Person in diesem Moment möglicherweise noch nicht bewusst ist.

Was damit gemeint ist, möchte ich anhand eines Fallbeispiels zeigen.

Wenn eine kleine Bitte plötzlich starke Wut auslöst

Ein Mann – nennen wir ihn Lukas – bemerkte, dass er gegenüber seiner Frau immer wieder sehr stark reagierte, wenn sie ihn um etwas bat.

Zum Beispiel sagte sie:

„Kannst du bitte noch das Geschirr in die Spülmaschine räumen?“

Lukas wusste selbst:

„Das dauert vielleicht fünf Minuten. Eigentlich wäre ich schnell damit fertig.“

Trotzdem reagierte er manchmal plötzlich mit starker Wut und Aggression.

Auf den ersten Blick könnte man sich fragen:

Warum rastet jemand wegen einer so kleinen Sache aus?

Wenn man jedoch davon ausgeht, dass hinter einer solchen Reaktion möglicherweise etwas anderes und Bedeutenderes steht, lohnt es sich, danach zu suchen.

Was sich in seiner beruflichen Situation zeigte

Ein Mann wirkt erschöpft und überfordert, er reibt sich die Augen.

Im Verlauf der Sitzungen berichtete Lukas auch über seine Arbeit.

Grundsätzlich mochte er seinen Beruf und viele seiner Tätigkeiten. Gleichzeitig trug er viel Verantwortung und hatte sehr viel zu erledigen.

Da er von seinem Vorgesetzten als zuverlässig und verantwortungsbewusst erlebt wurde, bekam er immer wieder zusätzliche Aufgaben.

Am Anfang erlebte Lukas das durchaus positiv. Er hatte das Gefühl:

„Man vertraut mir.“

„Meine Arbeit wird anerkannt.“

Mit der Zeit führte diese Situation jedoch zunehmend zu Überforderung und Frustration.

Sein Chef sagte beispielsweise:

„Könntest du noch eine kleine Aufgabe übernehmen?“

Und Lukas antwortete:

„Ja, mache ich.“

Innerlich wollte er es jedoch längst nicht mehr.

Solche Situationen wiederholten sich immer wieder.

Lukas hatte Angst, durch eine Absage Anerkennung zu verlieren oder berufliche Nachteile zu erfahren. Deshalb fiel es ihm sehr schwer, seinem Vorgesetzten Grenzen zu setzen oder „Nein“ zu sagen.

Gleichzeitig entwickelte sich in ihm immer mehr Wut.

Er bemerkte, dass ihm zusätzliche Aufgaben übertragen wurden, während andere Mitarbeiter teilweise weniger zu tun hatten und trotzdem ähnlich bezahlt wurden.

Diese Wut spürte er zwar, aber er ließ sie gegenüber seinem Vorgesetzten kaum zu und brachte sie dort auch nicht zum Ausdruck.

Die Bitte der Frau Auslöser oder Ursache der Aggression?

Ein erschöpftes Paar sitzt am Küchentisch und wendet sich einander zu.

Wenn Lukas später nach Hause kam und seine Frau sagte:

„Kannst du noch eine kleine Aufgabe erledigen?“

konnte diese Situation etwas aktivieren, was bereits vorher vorhanden war.

Die Worte seiner Frau ähnelten sogar der Situation am Arbeitsplatz:

„Noch eine kleine Aufgabe …“

Die Wut, die nun plötzlich sehr stark erschien, bezog sich deshalb möglicherweise nicht nur auf die konkrete Bitte seiner Frau.

Ein wesentlicher Teil davon stand mit seiner Überforderung am Arbeitsplatz, seiner Frustration und seiner Schwierigkeit in Verbindung, dort Grenzen zu setzen.

Die Bitte seiner Frau konnte man in diesem Fall daher eher als Auslöser verstehen – nicht als eigentliche Ursache der gesamten Wut.

Etwas, das im Beruf nicht ausreichend wahrgenommen oder ausgedrückt werden konnte, wurde in einer anderen, ähnlichen Situation erneut aktiviert.

Die Aggression richtete sich dann gegen seine Frau, obwohl ein wichtiger Teil der dahinterliegenden Gefühle ursprünglich aus einer ganz anderen Beziehung und Situation stammte.

Warum wirken manche Wutausbrüche, als kämen sie „aus dem Nichts“?

Dieses Beispiel kann dabei helfen, eine bestimmte Frage anders zu betrachten.

Wenn jemand den Eindruck hat:

„Ich raste wegen nichts aus.“

kann es hilfreich sein, sich zusätzlich zu fragen:

Ist dieses „Nichts“ vielleicht nur ein Auslöser für etwas, das gerade nicht sichtbar ist?

Manchmal haben Situationen, die von außen unbedeutend erscheinen, eine bestimmte Ähnlichkeit mit früheren oder anderen belastenden Situationen.

Ein bestimmter Satz, ein Tonfall, eine Bitte oder das Gefühl, wieder etwas leisten zu müssen, kann Gefühle aktivieren, die ursprünglich in einem ganz anderen Zusammenhang entstanden sind.

Im Fall von Lukas bestand diese Ähnlichkeit unter anderem sogar in der Wortwahl:

„Noch eine kleine Aufgabe.“

Die Situation zu Hause berührte damit etwas, das sich bei der Arbeit bereits über längere Zeit aufgebaut hatte.

Was stand eigentlich hinter seiner Aggression?

Hinter der Aggression von Lukas stand nicht nur der Wunsch, eine bestimmte Aufgabe nicht erledigen zu müssen.

Es zeigte sich vielmehr ein tieferes Bedürfnis:

sich nicht ständig zu überfordern, die eigenen Grenzen wahrnehmen und schützen zu können und sich gleichzeitig weiterhin anerkannt und wertvoll zu erleben.

Ein wichtiger innerer Konflikt bestand darin, dass Lukas Anerkennung stark mit Leistung verband.

Solange er zusätzliche Aufgaben übernahm, fühlte er sich zuverlässig, gebraucht und anerkannt.

Wenn er dagegen daran dachte, eine Aufgabe abzulehnen, entstanden Ängste:

„Was denkt mein Chef dann über mich?“

„Bin ich dann noch zuverlässig?“

„Verliere ich seine Anerkennung?“

So entstand eine schwierige Situation:

Wenn Lukas keine Grenzen setzte, überforderte er sich und wurde zunehmend wütend.

Wenn er Grenzen setzen wollte, bekam er Angst vor den möglichen Konsequenzen.

Woran wurde in der Therapie gearbeitet?

Zwei Männer im Gespräch; einer hört aufmerksam zu und hält einen Notizblock.

Die therapeutische Arbeit bezog sich deshalb nicht ausschließlich auf die Frage:

„Wie kann Lukas verhindern, aggressiv zu reagieren?“

Es ging auch darum, besser zu verstehen, woher diese Wut kam und was sie mit seinen Bedürfnissen, Ängsten und Grenzen zu tun hatte.

Ein wichtiger Bereich war die Frage, wie Lukas seine eigenen Grenzen und Bedürfnisse besser wahrnehmen und vertreten konnte, ohne sich dabei automatisch schlecht oder schuldig zu fühlen.

Dabei wurde auch unterschieden:

Entstand die Schwierigkeit, „Nein“ zu sagen, hauptsächlich aus seiner inneren Angst?

Oder gab es tatsächlich äußere Bedingungen, beispielsweise einen Vorgesetzten, der Grenzen nicht akzeptierte?

Auch diese Unterscheidung war wichtig.

Lukas bereitete sich im Verlauf der Therapie auf ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten vor.

Dabei zeigte sich, dass der Chef zwar gerne weiterhin auf Lukas‘ Zuverlässigkeit zurückgegriffen hätte. Als Lukas jedoch erklärte, dass die Menge der Aufgaben inzwischen zu viel geworden war und er an seine Grenzen kam, konnte sein Vorgesetzter dies nachvollziehen.

Gemeinsam konnten andere Lösungen gefunden werden.

Nicht nur die Aggression veränderte sich

Mit der Zeit lernte Lukas, seine Grenzen früher wahrzunehmen und klarer zu kommunizieren.

Gleichzeitig arbeitete er daran, seinen eigenen Wert und das Gefühl von Anerkennung nicht ausschließlich von Leistung abhängig zu machen.

Auch einige der Ängste, die mit dem Setzen von Grenzen verbunden waren, konnten bearbeitet werden.

Dadurch wurde seine Wut für ihn besser verständlich und kontrollierbarer.

Wenn er sich ärgerte, konnte er dies zunehmend angemessener und weniger impulsiv ausdrücken.

Die Veränderung betraf dabei nicht nur seine Aggression.

Lukas machte auch in anderen Lebensbereichen die Erfahrung:

„Ich kann eine Grenze setzen und trotzdem gemocht werden.“

Diese Erfahrung hatte wiederum einen positiven Einfluss auf seine Beziehungen.

Techniken gegen Aggression – oder die Ursachen verstehen?

Zu Beginn der Therapie kam Lukas mit dem Wunsch, bestimmte Techniken und Methoden zu lernen, um nicht mehr so aggressiv zu reagieren.

Solche Techniken können manchmal hilfreich sein, aber nicht immer ausreichend.

Zum Beispiel kann man lernen, entstehende Anspannung früher zu erkennen, eine Situation rechtzeitig zu verlassen oder andere Möglichkeiten zu nutzen, bevor die Aggression zu stark wird.

Im Fall von Lukas zeigte sich jedoch, dass es für ihn hilfreich war, zusätzlich danach zu fragen, was psychisch hinter seiner Aggression stand.

Hätte er ausschließlich gelernt, seine Reaktion zu stoppen, hätte dies möglicherweise verhindert, dass er seine Frau anschreit.

Die Überforderung, die nicht gesetzten Grenzen, die unterdrückte Wut und die Angst vor dem Verlust von Anerkennung wären dadurch jedoch nicht automatisch verschwunden.

Sie hätten ihn weiterhin belasten und sich möglicherweise auf andere Weise zeigen können.

In der psychotherapeutischen Arbeit zeigt sich immer wieder, dass hinter starken aggressiven Reaktionen solche zunächst wenig sichtbaren Ursachen und Mechanismen stehen können.

Deshalb kann es – insbesondere dann, wenn verschiedene Techniken bereits ausprobiert wurden, die Probleme jedoch immer wieder auftreten – sinnvoll sein, Aggression aus zwei Perspektiven gleichzeitig zu betrachten:

Einerseits ist sie eine Reaktion, die destruktiv sein kann und weitere Probleme verursacht.

Andererseits kann sie auch Ausdruck von etwas sein, das einen Menschen innerlich belastet und noch nicht ausreichend verstanden wurde.

Eine solche tiefergehende Arbeit kann herausfordernder sein, weil sie nicht nur nach der unmittelbaren Kontrolle der Aggression fragt.

Sie kann jedoch Veränderungen ermöglichen, die sich nicht ausschließlich auf die Aggression beschränken, sondern auch andere Lebensbereiche betreffen.

Im Fall von Lukas bedeutete dies beispielsweise, dass er nicht nur weniger impulsiv reagierte, sondern auch besser Grenzen setzen, eigene Bedürfnisse wahrnehmen und Beziehungen freier gestalten konnte.

Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien und Lebensberater

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