Mein Kind verhält sich aggressiv - Teil 1 Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen
Teil 1: Belastende äußere Erfahrungen als mögliche Ursache von Aggression
Als Eltern kann man sich angesichts des aggressiven Verhaltens des eigenen Kindes schnell überfordert fühlen. Man möchte, dass das Kind sich gut entwickelt, sich angemessen verhält und im Leben zurechtkommt. Man will das Beste für sein Kind – und trotzdem verhält es sich weiterhin aggressiv.
Auch nach wiederholten Gesprächen, Bitten, Verboten oder bestimmten Konsequenzen, beispielsweise einer eingeschränkten Mediennutzung, verändert sich das Verhalten manchmal kaum. Bei den Eltern können dadurch Hilflosigkeit, Ärger und Enttäuschung entstehen.
Kann man etwas dagegen tun?
Aus psychotherapeutischer Sicht kann man sehr viel tun. Dafür ist es jedoch wichtig, die möglichen Ursachen der Aggression zu verstehen. Nur wenn wir wissen, was hinter dem Verhalten eines Kindes steht, können wir angemessen darauf reagieren.
Wer ausschließlich auf das sichtbare Verhalten reagiert, ohne dessen Ursachen zu kennen, kann trotz bester Absichten ungewollt dazu beitragen, dass das Kind noch aggressiver wird oder sich zunehmend zurückzieht.
Dieser Artikel soll dazu anregen, über die möglichen Hintergründe kindlicher Aggression nachzudenken. Im ersten Teil wird anhand eines Beispiels eine mögliche Ursache ausführlich dargestellt: eine belastende äußere Erfahrung. Im zweiten Teil werden vier weitere häufige Ursachen von Aggression bei Kindern beschrieben.
Ein Fallbeispiel
Thomas ist elf Jahre alt. Seit einiger Zeit verhält er sich Erwachsenen und seinen Geschwistern gegenüber zunehmend aggressiv.
Seine Eltern weisen ihn immer wieder darauf hin, dass er sein Verhalten ändern soll. Zunächst versuchen sie es mit Gesprächen und Bitten, später mit Verboten und Konsequenzen. Thomas verändert sein Verhalten daraufhin teilweise, hat aber weiterhin immer wieder Wutausbrüche. Gleichzeitig zieht er sich zunehmend zurück.
Schließlich entscheiden sich seine Eltern, mit ihm eine Psychotherapie zu beginnen.
In den ersten Therapiestunden wirkt Thomas angepasst, empathisch und rücksichtsvoll. Man könnte sagen, er macht den Eindruck eines „guten Kindes“. Tatsächlich möchte er selbst nicht aggressiv sein. Er hat Angst, seine Eltern zu enttäuschen.
Gleichzeitig wirkt er traurig und niedergeschlagen. Zunächst kann er selbst nicht verstehen, weshalb er manchmal so heftig reagiert.
In einer Therapiestunde, in der Thomas sich sicherer fühlt und mehr über die Schule erzählt, erwähnt er einen Mitschüler, der ihn „manchmal ein bisschen ärgert“. Erst durch genaueres Nachfragen wird deutlich, was sich hinter diesem vermeintlich harmlosen Ärgern verbirgt.
Dieser Mitschüler demütigt Thomas, stößt ihn, nimmt ihm Gegenstände weg und macht ihn vor anderen Kindern lächerlich. Im weiteren Gespräch stellt sich außerdem heraus, dass er auch andere Mitschüler dazu ermutigt, sich an diesen Handlungen zu beteiligen. Thomas wird somit nicht nur von einem einzelnen Kind angegriffen, sondern zunehmend von einer Gruppe ausgegrenzt, verspottet und schikaniert.Auf die Frage, wie er in solchen Situationen reagiert, erzählt Thomas, dass er sich meistens zurückzieht. Manchmal spürt er starke Wut, zeigt sie jedoch nicht. Er hat Angst, dass die anderen Kinder ihm sonst noch mehr antun könnten. Außerdem hat er zu Hause gelernt, dass man nicht aggressiv sein soll.
Thomas glaubt auch nicht daran, dass seine Lehrer oder seine Eltern wirklich etwas gegen die Situation unternehmen würden.
Er erinnert sich an eine frühere Situation, in der ihn ein Mitschüler beleidigt hatte. Damals hörte er von seinen Eltern sinngemäß:
„Mach dir nichts daraus. Das war nur ein blöder Witz. Zeig ihm nicht, dass es dich verletzt hat. Dann wird er dich irgendwann in Ruhe lassen.“
Thomas versucht deshalb, in der Schule nicht zu reagieren. Seine Mitschüler verstehen seine Zurückhaltung jedoch anders: Da er sich nicht wehrt und niemand eingreift, glauben sie, sie könnten ihn weiterhin so behandeln.
Auffällig ist, dass Thomas später gegenüber seinen Geschwistern genau die Verhaltensweisen zeigt, die er selbst in der Schule erlebt. Er stößt sie, beleidigt sie und macht sich über sie lustig.
Aus psychotherapeutischer Sicht könnte man hier von einem Acting-out und einer Verschiebung sprechen. Etwas, das Thomas innerlich stark belastet, kann in der eigentlichen Situation nicht ausgedrückt werden. Seine Angst und seine Hilflosigkeit verhindern, dass er sich gegenüber den Mitschülern wehrt. Die aufgestauten Gefühle suchen sich deshalb einen anderen Weg.
Man könnte sagen, dass Thomas seinen Geschwistern durch sein aggressives Verhalten unbewusst vermittelt, was er selbst erlebt. Indem seine Geschwister sich verletzt, gedemütigt oder hilflos fühlen, erleben sie etwas von dem, was Thomas zuvor in der Schule erfahren hat.
Die Intervention
Als die Eltern in der Therapie erfahren, was ihr Sohn in der Schule erlebt, erkennen sie, dass eine Intervention notwendig ist.
Die Situation wird mit der Schule besprochen. Auch von schulpsychologischer Seite wird bestätigt, dass es sich um Mobbing handelt. Daraufhin werden entsprechende Maßnahmen eingeleitet und das Mobbing wird beendet.
Nach der schulischen Intervention und der weiteren therapeutischen Begleitung gingen Thomas’ aggressive destruktive Reaktionen allmählich zurück..
Psychotherapeutischer Kommentar
Die psychotherapeutische Erfahrung zeigt, dass hinter der Aggression eines Kindes häufig konkrete Ursachen stehen. Diese Ursachen sind jedoch für Eltern, Lehrer und manchmal auch für das Kind selbst nicht sofort erkennbar.
Im beschriebenen Beispiel war eine belastende äußere Erfahrung – das Mobbing in der Schule – eine wesentliche Ursache des aggressiven Verhaltens. Aus therapeutischer Perspektive war dieser Zusammenhang vergleichsweise gut zu erkennen.
Es gibt jedoch auch andere mögliche Ursachen, die weniger offensichtlich sind. Auch sie können Aggression auslösen oder verstärken.
Das Erkennen und Verstehen dieser Ursachen ermöglicht es, passende Interventionen zu entwickeln. Dadurch muss nicht mehr ausschließlich das aggressive Verhalten bekämpft werden. Stattdessen kann man sich mit dem beschäftigen, was hinter diesem Verhalten steht und das Kind tatsächlich belastet.
Eine belastende äußere Erfahrung war die erste mögliche Ursache kindlicher Aggression. Vier weitere häufige Ursachen werden im zweiten Teil dieses Artikels beschrieben.
Autor: Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien-und Lebensberater