Teil 4 · Beitragsreihe zum Selbstwertgefühl
Psychische Mechanismen bei niedrigem Selbstwertgefühl: Wenn das, was ursprünglich schützt, später zur Falle wird
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Inhalte dieses Beitrags
- Wie entstehen psychische Schutzmechanismen bei niedrigem Selbstwertgefühl?
- Wie das von außen Verzerrte im Inneren zur Wahrheit wird
- Wenn Leistung zu einem inneren Schutzmechanismus wird
- Wenn das, was ursprünglich schützt, später zur Falle wird – eine Krise als Chance?
- Reflexionsübung: Den eigenen Bedürfnissen, Wünschen und Grenzen wieder Raum geben
Die Arbeit am Selbstwertgefühl ist vielschichtig. Das bedeutet, dass es leider keine einfache und schnelle Zaubermethode gibt, mit der man sein Selbstwertgefühl innerhalb kurzer Zeit aufbauen oder stärken kann.
In den bisherigen drei Beiträgen dieser Reihe haben wir bereits verschiedene Aspekte kennengelernt, die bei der Arbeit am Selbstwertgefühl hilfreich sein können.
- Im ersten Beitrag ging es darum, wie starke Emotionen unsere Wahrnehmung beeinflussen können und warum es bei einem niedrigen oder instabilen Selbstwertgefühl manchmal schwierig ist, sich selbst realistisch wahrzunehmen und die eigene Wahrnehmung zu überprüfen.
- Im zweiten Beitrag haben wir uns damit beschäftigt, welche Ursachen hinter einem niedrigen Selbstwertgefühl stehen können. Dabei ging es besonders um frühere emotionale Erfahrungen, die Entwicklung eines inneren Kritikers beziehungsweise „inneren Verfolgers“ und die damit verbundenen Schutzmechanismen.
- Im dritten Beitrag wurde eine praktische Übung vorgestellt, die dabei helfen kann, die eigene Person breiter, differenzierter und realistischer wahrzunehmen.
Nun kommen wir zu einem weiteren wichtigen Bereich bei der Arbeit am Selbstwertgefühl: dem genaueren Verständnis bestimmter psychischer Schutzmechanismen, die mit der Zeit wie eine Falle wirken können.
Einerseits können solche Mechanismen helfen, das schmerzhafte Erleben eines niedrigen Selbstwertgefühls kurzfristig zu lindern. Andererseits können sie langfristig gleichzeitig dazu beitragen, dass das niedrige Selbstwertgefühl bestehen bleibt oder sogar verstärkt wird.
Das erscheint zunächst etwas paradox: Etwas, das uns vor unangenehmen Gefühlen schützt, kann gleichzeitig dazu beitragen, dass diese Gefühle weiterhin bestehen bleiben oder immer wieder aktiviert werden.
Wie das möglich ist, möchte ich in diesem Beitrag anhand eines Beispiels genauer erklären.
Hinweis: Hier wird nur einer dieser möglichen Mechanismen dargestellt. Tatsächlich gibt es viele unterschiedliche psychische Mechanismen, die bei einem niedrigen oder instabilen Selbstwertgefühl eine Rolle spielen können.
Wie sich Schutzmechanismen entwickeln
Wie bereits im zweiten Beitrag besprochen wurde, kann ein niedriges Selbstwertgefühl stark mit innerlich gespeicherten, emotional belastenden Erfahrungen aus der Vergangenheit verbunden sein.
Metaphorisch könnte man sagen, dass sich diese emotionalen Erfahrungen in eine innere Gestalt verwandeln, die man als „inneren Kritiker“ oder „inneren Verfolger“ bezeichnen könnte.
Psychisch kann sich dieser innere Kritiker darin zeigen, dass man sich – je nach Ausprägung – häufig oder immer wieder in einem schlechten, nicht realistischen Bild sieht.
Es ist, als würde der innere Kritiker einem immer wieder einen Spiegel vorhalten, in dem die eigene Person in einem schlechten Licht erscheint.
Ein psychischer Zustand, in dem man sich dauerhaft schlecht erlebt, ist kaum auszuhalten. Deshalb versucht die Psyche, einen Weg zu finden, damit umzugehen – es entwickeln sich Schutzmechanismen.
Ein Beispiel: Martin
Stellen wir uns ein Kind – Martin – vor, das von seinem Vater sehr häufig Sätze hört wie:
„Du machst zu wenig.“
„Das, was du machst, ist wenig wert.“
„Du bemühst dich überhaupt nicht.“
Oder noch stärker:
„Aus dir wird nichts.“
Tatsächlich bemüht sich das Kind jedoch und versucht, bestimmte Dinge richtig zu machen.
Die Situation könnte also folgendermaßen aussehen:
Einerseits erlebt das Kind innerlich, dass es sich anstrengt und bemüht. Andererseits hört es von außen immer wieder, dass dies offenbar nicht ausreicht, dass seine Bemühungen zu wenig wert sind oder dass aus ihm nichts werden wird.
In einer anderen Situation bringt das Kind eine gute Note nach Hause. Nun hört es von seinem Vater:
„Das ist super! Das ist klasse! Du bist der Beste!“
Das Kind bemerkt außerdem, wie sein Vater einen Cousin lobt, der sehr hart arbeitet und viel Geld verdient. Dabei nimmt es wahr, wie stolz sein Vater auf diesen Cousin ist.
Im Erleben des Kindes könnte sich allmählich eine Vorstellung entwickeln wie:
„Wenn ich keine richtigen Erfolge habe oder mich nicht noch mehr anstrenge, bin ich nichts wert. Wenn ich mich aber stärker bemühe und erfolgreich bin, werde ich anerkannt und gesehen.“
Das von außen Verzerrte wird im Inneren als Wahrheit gespeichert – zwei Faktoren
Hier ist es wichtig, zwei Faktoren in der Situation des Kindes zu berücksichtigen.
Der erste Faktor ist die Abhängigkeit des Kindes von seinen Eltern.
Kinder sind von ihren Eltern abhängig. Besonders bei kleinen Kindern könnte man sogar sagen, dass ihr Überleben von den Eltern beziehungsweise ihren Bezugspersonen abhängt.
Um sich diese Abhängigkeit zumindest teilweise besser vorstellen zu können, kann man einen Vergleich mit einer Situation aus dem Erwachsenenleben ziehen.
Stellen wir uns einen Erwachsenen vor, der in einer Firma arbeitet, in der sein Chef sehr hohe Anforderungen stellt. Gleichzeitig weiß diese Person, dass es in der Umgebung keine andere Anstellungsmöglichkeit gibt. Sie ist also auf diese Arbeit angewiesen und würde ohne sie ihren Lebensunterhalt verlieren.
In einer solchen Situation kann sich ein Erwachsener gezwungen fühlen, sich den Anforderungen seines Chefs anzupassen, um seine Existenzgrundlage zu sichern.
Ähnlich ist sich ein Kind in gewisser Weise seiner Abhängigkeit von den eigenen Eltern bewusst.
Der zweite Faktor ist die noch begrenzte Fähigkeit des Kindes, seine Erfahrungen kritisch einzuordnen.
Je nach Alter ist die Fähigkeit des Kindes, die eigenen Erfahrungen kritisch zu betrachten und einzuordnen, noch nicht ausreichend entwickelt.
Das bedeutet, dass ein Kind möglicherweise noch nicht in der Lage ist, so zu denken:
„Ich habe mich tatsächlich bemüht und angestrengt. Mein Vater sieht das aber nicht richtig. Vielleicht hat er zu hohe Erwartungen an mich.“
Diese beiden Umstände – die starke Abhängigkeit von den Eltern und die noch begrenzte Fähigkeit zur kritischen Einordnung der eigenen Erfahrungen – können dazu beitragen, dass das Kind die von außen kommenden negativen und kritischen Botschaften unbewusst übernimmt.
Diese Botschaften nicht zu akzeptieren, könnte für das Kind eine Bedrohung darstellen – vergleichbar mit der Bedrohung, die der beschriebene Arbeitnehmer beim möglichen Verlust seiner einzigen verfügbaren Arbeitsstelle erleben würde, möglicherweise sogar noch stärker.
Wenn Leistung zu einem inneren Schutzmechanismus wird
Um diese Bedrohung möglichst nicht mehr erleben oder spüren zu müssen, versucht das Kind, einen Weg zu finden, mit der Situation umzugehen.
Es könnte beispielsweise unbewusst die Botschaft des Vaters übernehmen:
„Ich muss viel leisten. Ich muss mehr arbeiten. Ich muss mich noch stärker bemühen.“
Auf diese Weise kann das Kind zunehmend leistungs- und arbeitsorientiert werden.
Wenn es sich besonders stark anstrengt und viel leistet, kann dies mindestens zwei psychische Vorteile haben:
Einerseits muss es das Gefühl der Bedrohung möglicherweise weniger stark erleben – sei es in Form eines emotionalen Erlebens von Wertlosigkeit, der Angst vor dem Verlust von Sicherheit oder der Angst vor Bestrafung.
Andererseits kann es durch seine Leistungen Lob und Anerkennung erfahren.
Das Kind erlebt also, dass sich Anstrengung und Leistung in gewisser Weise lohnen: Sie helfen ihm, sich weniger schlecht zu fühlen, und erhöhen gleichzeitig die Möglichkeit, von seinem Vater das Gefühl vermittelt zu bekommen, gesehen und anerkannt zu werden.
Der Preis dieses Schutzmechanismus
Was geschieht aber mit dem ursprünglichen, tatsächlichen Erleben des Kindes, mit seinem Gefühl:
„Ich habe mich doch schon angestrengt und bemüht“?
Oft wird dieses Erleben verdrängt oder heruntergespielt – als würde das Kind glauben, dass es sich in Wirklichkeit gar nicht angestrengt hat, oder als würde es seine eigenen Bemühungen ausblenden.
Dies kann dazu führen, dass es bestimmte eigene Bedürfnisse und Grenzen weniger wahrnimmt oder sogar verleugnet.
Dazu können beispielsweise das Bedürfnis nach Erholung, nach Spaß, nach Ruhe oder die eigenen Belastungsgrenzen gehören.
Denn wenn das Kind diese Bedürfnisse wahrnehmen und ihnen nachgehen würde, könnte dadurch wieder das schmerzhafte Erleben aktiviert werden:
„Ich bin nichts wert.“
„Ich tue zu wenig.“
„Ich werde nicht gesehen.“
Um dieses Erleben möglichst zu vermeiden, kann es deshalb versuchen, solche Bedürfnisse und Grenzen immer wieder zu übergehen.
Mit der Zeit kann sich dieser Mechanismus so stark innerlich verankern, dass er als etwas völlig Normales erlebt wird – gewissermaßen als eine innere Regel, nach der man lebt.
Diese Regel könnte lauten:
„Ich muss leisten und mich anstrengen, um mich als wertvoll erleben zu können.“
Wenn dieser Schutzmechanismus im Erwachsenenleben weiterwirkt
Stellen wir uns nun Martin als Erwachsenen vor.
Er hat vielleicht einen guten Beruf, arbeitet viel und hat in seinem Leben bereits einiges erreicht. Für seine Leistungen bekommt er möglicherweise Anerkennung und wird von anderen als fleißig und erfolgreich wahrgenommen.
Von außen betrachtet kann seine starke Leistungsorientierung deshalb sogar als etwas Positives erscheinen.
Innerlich kann jedoch weiterhin dieselbe Regel wirksam sein, die sich bereits in seiner Kindheit entwickelt hat.
Wenn Martin beispielsweise nach einem anstrengenden Arbeitstag müde ist und Erholung braucht, fällt es ihm möglicherweise schwer, sich diese Ruhe zu erlauben.
Einerseits spürt er, dass er erschöpft ist und eine Pause braucht. Andererseits kann bereits der Gedanke daran, weniger zu leisten oder sich auszuruhen, ein unangenehmes inneres Erleben aktivieren:
„Ich tue zu wenig.“
„Ich bemühe mich nicht genug.“
„Ich bin nicht gut genug.“
Um dieses schmerzhafte Erleben möglichst nicht spüren zu müssen, versucht Martin vielleicht, weiterhin viel zu arbeiten und sich noch mehr anzustrengen – obwohl er eigentlich Erholung braucht.
So kann derselbe Mechanismus, der ihm bereits in der Kindheit geholfen hat, unangenehme Gefühle zu lindern und Anerkennung zu bekommen, auch im Erwachsenenalter weiterwirken.
Einerseits hilft ihm seine Leistungsorientierung weiterhin, sich kurzfristig weniger schlecht zu erleben. Andererseits kann sie dazu beitragen, dass er seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen immer wieder übergeht.
„Ich kann nicht mehr“ – eine Krise als Chance?
Das kann über viele Jahre so weitergehen – bis zu einem Punkt, an dem sich das ständige Verdrängen und Frustrieren eigener Bedürfnisse und Wünsche sowie das Nichtakzeptieren eigener Grenzen immer deutlicher bemerkbar machen.
Dies wird häufig als Krise erlebt, da das, was einen bisher gewissermaßen „am Leben gehalten“ hat – beispielsweise Leistungsorientierung oder Perfektionismus –, nun das Leben kaum noch möglich macht.
Man ist erschöpft, man ist überfordert, man kann nicht mehr.
Die Krise könnte aber auch eine Chance sein, endlich zu „lernen“, die eigenen Bedürfnisse und Grenzen wahrzunehmen und gleichzeitig den inneren Kritiker abzuschwächen oder sogar zu beseitigen.
Damit der eigene Wert nicht mehr ausschließlich oder vor allem an Leistung gekoppelt wäre.
Reflexionsübung 2: Bedürfnisse, Grenzen und Wünsche finden ihren richtigen inneren Platz
Die Falle der Schutzmechanismen überwinden
Stellen Sie sich vor, Sie haben zu Hause in Ihrem Zimmer einige wertvolle Dinge, die für Sie von großer emotionaler Bedeutung sind:
Ein Foto aus dem Urlaub oder mit Freunden, ein persönliches Geschenk, ein Buch, das für Sie eine besondere Bedeutung hatte, ein Liebesbrief oder ein Foto von jemandem, der Ihnen wichtig war und Ihnen viel bedeutet hat, aber bereits verstorben ist.
Nun kommt ein Richter zu Ihnen und sagt, dass Sie diese Dinge nicht mehr in Ihrem Zimmer haben dürfen.
An ihre Stelle sollen ausschließlich Diplome aus verschiedenen Kursen treten, die Sie zunächst absolvieren müssen.
Diese Diplome haben für Sie selbst vielleicht gar keinen besonderen Wert oder stellen zumindest nicht alles dar, was Ihnen wichtig und wertvoll ist.
Der Richter verlangt jedoch, dass Sie die bisherigen Dinge entfernen und durch diese Diplome ersetzen.
Wenn Sie das nicht tun, wird Ihnen das Zimmer verschlossen, und Sie dürfen dort nicht mehr wohnen.

Wie würde sich das für Sie anfühlen?
Man könnte sagen, dass bei dieser Falle der Schutzmechanismen etwas Ähnliches geschieht:
An die Stelle von etwas, das ursprünglich wichtig und wertvoll war – den eigenen Bedürfnissen, Wünschen, dem Bedürfnis nach Spaß und den eigenen Grenzen –, tritt etwas, das möglicherweise gar nicht als besonders wertvoll oder wichtig erlebt wird.
Es wird jedoch als notwendig angesehen, um weiterhin einen Platz zum Wohnen zu haben – in unserem Beispiel das Zimmer.
Als Erwachsener könnte man sich nun fragen:
Verliert man wirklich das Zimmer, wenn man darin wieder Platz für das schafft, was einem wichtig und wertvoll ist?
Herzliche Grüße
Autor: Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater
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