Teil 1 · Beitragsreihe zum Selbstwertgefühl
Bin ich wirklich so – oder erlebe ich mich nur so?
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Kurzer Überblick
- Worum geht es in diesem Beitrag?
- 1. Mechanismus: Starke Emotionen beeinflussen unsere Wahrnehmung
- Kann das beim Selbstwertgefühl ähnlich sein?
- 2. Mechanismus: Hemmung oder Begrenzung der Realitätsprüfung
- Was bedeutet das für die Arbeit am Selbstwertgefühl?
Worum geht es in diesem Beitrag?
Dieser Artikel ist als eine Einführung in das Thema gedacht, wie sich das Selbstwertgefühl aufbauen und stärken lässt.
Im Mittelpunkt stehen zwei wichtige Mechanismen, die eng mit dem Selbstwertgefühl verbunden sein können. Das Verständnis dieser Mechanismen kann später auch bei der praktischen Arbeit am eigenen Selbstwertgefühl helfen.
Viele Menschen, die sich selbst negativ erleben, glauben, dass sie tatsächlich so sind, wie sie sich wahrnehmen. Oder es fällt ihnen schwer, sich dauerhaft anders und besser zu betrachten.
In diesem Beitrag geht es deshalb zunächst um die Frage:
Kann es sein, dass die Art und Weise, wie man sich bei einem niedrigen oder instabilen Selbstwertgefühl erlebt, eine verzerrte Wahrnehmung der eigenen Person ist?
Das heißt:
Kann es sein, dass man sich anders wahrnimmt, als man tatsächlich ist?
Oder anders formuliert: Kann es schwierig sein, sich selbst objektiver und realistischer zu betrachten?
Wenn ja, stellt sich die nächste Frage: Wie kommt es zu einer solchen Verzerrung – und was kann dabei helfen, die eigene Wahrnehmung realistischer werden zu lassen?
Durch die Beschäftigung mit diesen Mechanismen kann möglicherweise auch verständlicher werden, warum Ratschläge wie „Schau positiver auf dich“, „Denk positiv“ oder „Übe Affirmationen“ häufig nicht so leicht umzusetzen sind oder nicht ausreichend wirken.
1. Mechanismus: Starke Emotionen beeinflussen unsere Wahrnehmung
Beginnen wir mit dem ersten Mechanismus: dem Einfluss starker Emotionen auf unsere Wahrnehmung.
Wir kennen wahrscheinlich alle Situationen, in denen wir die Wirklichkeit je nach unserem inneren Zustand etwas anders erleben.
Wenn man beispielsweise sehr traurig ist, kann vieles plötzlich dunkler erscheinen. Probleme wirken größer, die Zukunft weniger hoffnungsvoll, und Dinge, die an einem anderen Tag vielleicht nicht besonders wichtig wären, können sehr belastend erscheinen.
Man könnte vereinfacht sagen:
Bei starker Traurigkeit ist man innerlich stark mit Trauer aufgeladen – und diese emotionale Aufladung beeinflusst die Wahrnehmung.
Ähnliches kann bei Angst geschehen.
Ein Kind, das nachts Angst hat, sieht vielleicht den Schatten eines Baumes oder einen Mantel im Zimmer und erlebt darin für einen Moment etwas Bedrohliches – zum Beispiel eine Kreatur im Zimmer oder draußen.
Der Baum hat sich nicht verändert. Auch der Mantel ist derselbe wie am Tag.
Verändert hat sich jedoch der innere Zustand des Kindes.
Man könnte sagen: Das Kind ist innerlich stark mit Angst aufgeladen. Durch diese starke emotionale Aufladung wird etwas eigentlich Neutrales anders wahrgenommen und interpretiert.
Auch Erwachsene kennen ähnliche Situationen.
Wenn man beispielsweise nach einem Konflikt sehr verunsichert ist, kann eine kurze oder sachliche Bemerkung eines anderen Menschen als Angriff erlebt werden, obwohl sie von der Person, die sie ausgesprochen hat, gar nicht so gemeint war.
Dieser Mechanismus betrifft jedoch nicht nur unangenehme Emotionen.
Auch sehr starke positive Gefühle können dazu führen, dass bestimmte Aspekte der Realität weniger wahrgenommen werden.
Wenn jemand beispielsweise sehr euphorisch oder begeistert ist, kann eine neue Idee plötzlich fast ausschließlich positiv erscheinen.
Zum Beispiel sieht man ein günstiges Angebot für etwas, das man sich schon lange gewünscht hat – etwa ein Auto. Man ist von diesem Auto so fasziniert, dass man es unbedingt sofort haben möchte. Vielleicht ist man sogar bereit, dafür einen Kredit aufzunehmen, und glaubt in diesem Moment, dass alles irgendwie möglich sein wird.
Verschiedene negative Aspekte wie die eigene finanzielle Situation, hohe Raten oder eine unsichere Herkunft des Autos können dabei ausgeblendet werden, weil die Faszination für das Auto und das aktuelle günstige Angebot so stark sind.
Manchmal entscheidet man sich deshalb sehr schnell dafür. Erst im Nachhinein, wenn die Faszination nach dem Kauf etwas geringer geworden ist, beginnt man, auch die negativen Aspekte wahrzunehmen.
Diese Situationen zeigen, dass starke Emotionen unsere Wahrnehmung verändern können. Bestimmte Aspekte der Realität werden möglicherweise weniger gesehen oder sogar ausgeblendet.
Kann das beim Selbstwertgefühl ähnlich sein?
Psychologisch lässt sich bei einem niedrigen beziehungsweise instabilen Selbstwertgefühl ein vergleichbarer Mechanismus beobachten.
Dabei bestehen jedoch zwei wichtige Unterschiede.
Einerseits richtet sich die verzerrte Wahrnehmung hier besonders stark auf die eigene Person.
Andererseits kann die emotionale Aufladung eine andere Art und Herkunft haben. Darauf wird im zweiten Beitrag dieser Reihe genauer eingegangen.
Bei einer Person mit einem niedrigen oder instabilen Selbstwertgefühl kann beispielsweise eine Situation, in der sie einen Fehler gemacht hat, eine starke innere emotionale Aufladung aktivieren.
Dadurch kann sich diese Person anders wahrnehmen, als sie tatsächlich ist.
In einer solchen Situation können zum Beispiel Gedanken und Gefühle entstehen wie:
„Ich bin schlecht.“ – „Ich fühle mich wertlos.“ – „Ich habe andere enttäuscht.“
Von außen erleben viele Menschen diese Person vielleicht ganz anders: Sie ist normalerweise zuverlässig, oft hilfsbereit und empathisch – sie besitzt also durchaus auch positive Eigenschaften.
Wenn jedoch die starke emotionale Aufladung aktiviert wird, kann sich die Wahrnehmung fast ausschließlich auf das Negative beschränken.
Zusätzlich wird das Negative häufig auf die ganze Person verallgemeinert. Psychologisch spricht man dabei von einer Generalisierung.
Dadurch kann es sehr schwierig sein, sich selbst in diesem Moment objektiver wahrzunehmen und beispielsweise zu denken:
„Ich habe einen Fehler gemacht, aber ich weiß, dass ich auch gute Eigenschaften besitze. Ich kann überlegen, ob ich etwas wegen dieses Fehlers tun kann oder warum er entstanden ist.“
Stattdessen entstehen eher negative und verallgemeinerte Gedanken und Erlebnisse wie:
„Ich bin schlecht.“
Die eigene Wahrnehmung wird dadurch verzerrt.
Der erste Mechanismus besteht also in einer starken emotionalen Aufladung, die unsere Wahrnehmung beeinflussen kann – bei Traurigkeit beispielsweise durch Trauer, bei Angst durch Angst oder bei Euphorie durch eine starke positive emotionale Aufladung.
2. Mechanismus: Hemmung oder Begrenzung der Realitätsprüfung
Der zweite Mechanismus betrifft die sogenannte Realitätsprüfung.
Damit ist hier die Fähigkeit gemeint, wichtige Aspekte der Realität trotz starker innerer emotionaler Zustände wahrzunehmen und die eigene Wahrnehmung zu überprüfen.
Diese Fähigkeit kann in bestimmten Situationen gehemmt oder eingeschränkt sein beziehungsweise sich noch nicht ausreichend entwickelt haben.
Kehren wir noch einmal zu dem Beispiel mit dem Kind zurück.
Das Kind sieht im Dunkeln vielleicht eine bedrohliche Gestalt.
Mit zunehmendem Alter und zunehmender Erfahrung lernt es jedoch immer besser, das eigene innere Erleben von der äußeren Realität zu unterscheiden.
Zum Beispiel kann das Kind mit der Zeit lernen, bei Helligkeit genauer hinzuschauen und festzustellen, dass die nächtliche „Kreatur“ tatsächlich ein Baum ist.
Es überprüft seine Wahrnehmung in einem anderen Zustand und weiß dadurch mit der Zeit auch innerlich immer besser:
„Es ist keine Kreatur. Es ist ein Baum.“
Andererseits lernt das Kind zunehmend besser, mit seiner Angst – also mit der emotionalen Aufladung – umzugehen, sie innerlich zu verarbeiten und auszuhalten.
Man könnte sagen, dass der Weg zu einer objektiveren Wahrnehmung der Realität durch zwei Prozesse unterstützt wird:
- Die Fähigkeit zur Überprüfung der Realität wird weniger gehemmt, gestärkt und weiterentwickelt.
- Die emotionale Aufladung – in diesem Beispiel die Angst – wird abgebaut oder abgeschwächt.
Was bedeutet das für die Arbeit am Selbstwertgefühl?
Hier liegt auch die gute Nachricht:
Die gleichen beiden Wege – die Stärkung der Fähigkeit zur Überprüfung der eigenen Wahrnehmung sowie der Abbau der emotionalen Aufladung – können auch bei einem niedrigen oder instabilen Selbstwertgefühl dazu beitragen, dass man sich selbst anders, objektiver und realistischer wahrnehmen kann.
Nun stellen sich jedoch zwei wichtige Fragen:
Woher kommt die emotionale Aufladung bei einem niedrigen Selbstwertgefühl? Was ist sie eigentlich?
Und:
Wie kann diese emotionale Aufladung abgeschwächt oder abgebaut werden?
Im zweiten Beitrag dieser Reihe wird genauer erklärt, was mit dieser emotionalen Aufladung beim niedrigen Selbstwertgefühl gemeint ist, woher sie kommen kann und warum sie manchmal weiterwirkt, obwohl man die zugrunde liegenden Emotionen gar nicht bewusst wahrnimmt.
In weiteren Beiträgen werden außerdem praktische Techniken und Methoden vorgestellt, die dabei helfen können, die eigene Wahrnehmung besser zu überprüfen und am eigenen Selbstwertgefühl zu arbeiten.
Herzliche Grüße
Autor: Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater