Wojciech Michalek

 

 

 

Ein Beispiel aus der Elternberatung

In diesem Beispiel kamen Eltern in die Beratung, weil sie sich zunehmend Sorgen um ihr Kind machten. Seit einiger Zeit wirkte es häufig traurig, zog sich mehr zurück und wollte kaum noch lernen. Gespräche über Schule endeten immer häufiger in Streit oder damit, dass sich das Kind zurückzog und nicht mehr sprechen wollte.

Die Eltern erlebten die Situation als sehr belastend. Sie beobachteten, dass die schulischen Leistungen nachließen, Aufgaben liegen blieben und ihr Kind immer weniger Motivation zeigte. Gleichzeitig wussten sie nicht mehr genau, wie sie darauf reagieren sollten.

Einerseits wollten sie Verständnis zeigen und ihr Kind unterstützen. Andererseits hatten sie Angst, dass es den Anschluss verlieren und später Schwierigkeiten bekommen könnte.

Im Gespräch erzählten sie, dass sie deshalb immer häufiger versucht hatten, ihr Kind zum Lernen zu bewegen. Sie erinnerten es an Hausaufgaben, fragten nach Prüfungen und kontrollierten stärker, ob die vereinbarten Aufgaben erledigt worden waren.

Hinter diesem Verhalten stand zunächst etwas sehr Verständliches: die Sorge um das eigene Kind und der Wunsch, ihm gute Möglichkeiten für seine Zukunft zu geben.

Mit der Zeit war aus dieser Sorge jedoch immer mehr innerer Druck entstanden. Die Eltern hatten zunehmend das Gefühl:

„Wir müssen jetzt etwas tun.“

„Es muss mehr lernen.“

„Wenn wir nicht aufpassen, wird es immer schwieriger.“

Diese Gedanken beeinflussten auch die Art, wie sie mit ihrem Kind über Schule und Lernen sprachen.

Was stand hinter dem Verhalten des Kindes?

Zu Beginn der Beratung war es wichtig, nicht sofort davon auszugehen, dass das eigentliche Problem darin bestand, dass das Kind einfach zu wenig lernte oder sich nicht ausreichend anstrengte.

Zunächst musste genauer verstanden werden, warum sich sein Verhalten überhaupt verändert hatte.

Im Gespräch zeigte sich, dass Lernen für das Kind inzwischen mit viel Anspannung verbunden war. Es fühlte sich schulisch zunehmend überfordert und hatte immer häufiger den Eindruck, den Erwartungen nicht gerecht werden zu können.

Dabei ging es nicht nur um die schulischen Anforderungen selbst.

Auch die Reaktionen der Eltern spielten für das Erleben des Kindes eine Rolle.

Wenn die Eltern beispielsweise fragten:

„Hast du schon gelernt?“

oder sagten:

„Du musst dich jetzt wirklich mehr anstrengen“,

war dahinter aus ihrer Sicht vor allem Sorge gewesen.

Das Kind erlebte diese Aussagen jedoch anders.

Bei ihm kamen eher Gedanken an wie:

„Ich mache es nicht gut genug.“

„Meine Eltern sind enttäuscht von mir.“

„Ich strenge mich an, aber es reicht trotzdem nicht.“

Oder manchmal einfach:

„Das ist alles zu viel.“

Damit wurde ein wichtiger Unterschied sichtbar: Die gleiche Situation hatte für die Eltern und für das Kind eine unterschiedliche Bedeutung.

Die Eltern wollten unterstützen, motivieren und verhindern, dass sich die schulischen Schwierigkeiten verstärkten. Das Kind erlebte einen Teil dieser Bemühungen jedoch zunehmend als Druck.

Unter diesem Druck fiel es ihm immer schwerer, sich überhaupt mit dem Lernen auseinanderzusetzen. Es verschob Aufgaben, zog sich zurück und reagierte gereizt, wenn die Eltern das Thema Schule ansprachen.

Wie sich die Reaktionen gegenseitig verstärkten

Für die Eltern war wiederum vor allem das sichtbare Verhalten ihres Kindes erkennbar.

Sie sahen, dass es weniger lernte, Gesprächen auswich und sich stärker zurückzog.

Das verstärkte ihre Sorge.

Je weniger das Kind lernte, desto stärker hatten die Eltern das Gefühl, eingreifen zu müssen. Sie erinnerten häufiger an schulische Aufgaben, kontrollierten mehr und erhöhten teilweise den Druck.

Für das Kind bedeutete das noch mehr Anspannung.

Je stärker es sich unter Druck gesetzt fühlte, desto häufiger vermied es das Lernen oder zog sich zurück.

Dadurch entstand nach und nach ein sich selbst verstärkender Kreislauf:

Sorge der Eltern → zunehmender Druck → Überforderung und Rückzug des Kindes → noch größere Sorge der Eltern → noch stärkerer Druck

An diesem Punkt wurde in der Beratung deutlich, dass niemand diese Entwicklung beabsichtigt hatte.

Die Eltern wollten ihr Kind nicht überfordern. Sie wollten ihm helfen und verhindern, dass es später Nachteile hatte.

Auch das Kind wollte seine Eltern nicht enttäuschen. Gleichzeitig fühlte es sich zunehmend überfordert und wusste selbst immer weniger, wie es aus dieser Situation herauskommen sollte.

Das Problem lag deshalb nicht einfach auf einer Seite.

Es entstand vielmehr in der Wechselwirkung zwischen den Sorgen und Reaktionen der Eltern und dem Erleben und Verhalten des Kindes.

Gerade diese Perspektive war wichtig, weil dadurch die Frage nach Schuld in den Hintergrund treten konnte.

Was veränderte sich in der Beratung?

Im weiteren Verlauf ging es deshalb nicht darum, den Eltern zu sagen, dass sie keine Erwartungen mehr an ihr Kind haben sollten.

Auch Anforderungen, Grenzen und Erwartungen gehören zur Erziehung. Kinder müssen lernen, Verantwortung zu übernehmen und mit Anforderungen umzugehen.

Die entscheidende Frage war vielmehr, welche Anforderungen in dieser konkreten Situation angemessen waren und wann aus einer hilfreichen Erwartung ein Druck entstand, der das Kind zusätzlich blockierte.

Gemeinsam wurde genauer betrachtet, was dem Kind das Lernen erschwerte, in welchen Bereichen es Unterstützung benötigte und wo es durchaus selbst Verantwortung übernehmen konnte.

Gleichzeitig beschäftigten sich die Eltern stärker mit ihrer eigenen Reaktion.

Sie begannen zu erkennen, dass ihre zunehmende Kontrolle nicht nur mit dem Verhalten ihres Kindes zusammenhing, sondern auch mit ihrer eigenen Angst vor dessen Zukunft.

Je größer diese Angst geworden war, desto stärker hatten sie versucht, die Entwicklung zu kontrollieren.

Dieses Verständnis bedeutete nicht, dass ihre Sorge unbegründet war oder dass sie ihre Erwartungen aufgeben mussten.

Es half ihnen vielmehr dabei, zwischen ihrer eigenen Sorge und den tatsächlichen Möglichkeiten des Kindes besser zu unterscheiden.

Auch die Perspektive des Kindes wurde dadurch verständlicher.

Sein Rückzug konnte nun nicht mehr nur als fehlende Motivation oder mangelnde Bereitschaft zum Lernen betrachtet werden. Zumindest teilweise war er auch eine Reaktion auf eine Situation gewesen, in der sich das Kind zunehmend überfordert gefühlt hatte.

Als die Eltern begannen, anders mit ihrer Sorge umzugehen und Gespräche über Schule weniger unter Druck zu führen, veränderte sich auch die Reaktion des Kindes.

Es fiel ihm leichter, über seine Schwierigkeiten zu sprechen. Dadurch wurde genauer sichtbar, wo es tatsächlich Unterstützung brauchte und welche Anforderungen ihm weiterhin zugemutet werden konnten.

Der bisherige Kreislauf begann sich dadurch zu verändern.

Die Eltern mussten ihre Verantwortung nicht aufgeben. Das Kind wurde ebenfalls nicht von allen Anforderungen entlastet.

Vielmehr entstand nach und nach ein angemesseneres Verhältnis zwischen Anforderungen, Unterstützung und den tatsächlichen Möglichkeiten des Kindes.

Das Beispiel zeigt, warum es in der Elternberatung häufig nicht ausreicht, nur auf das sichtbare Verhalten eines Kindes oder nur auf das Verhalten der Eltern zu schauen.

Oft wird erst dann verständlicher, was eine schwierige Situation aufrechterhält, wenn man betrachtet, was hinter den Reaktionen beider Seiten steht und wie Eltern und Kind sich gegenseitig beeinflussen.

Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater

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