Wie entstehen Panikattacken? Ein tieferer Blick auf Ursachen und innere Mechanismen. Ein Fallbeispiel
Hinweis:
Dieser Artikel dient dem Zweck, ein vertieftes Verständnis der Ursachen und Mechanismen zu vermitteln, die mit Panikattacken verbunden sein können. Personen, die derzeit vor allem nach sofortiger Hilfe oder konkreter Unterstützung im Umgang mit akuten Panikattacken suchen, können zusätzlich von den unten auf der Seite empfohlenen Artikeln profitieren (z. B. zu Übungen bei Panikattacken).
Wichtig ist außerdem: Bevor sicher von Panikattacken gesprochen werden kann, sollte zunächst eine somatische bzw. ärztliche Abklärung erfolgen, um mögliche organische Ursachen der Beschwerden auszuschließen.

Einführung
Panikattacken entstehen meistens nicht „aus dem Nichts“. Häufig stehen dahinter einerseits konkrete Ursachen, zum Beispiel eine Anhäufung verschiedener Ängste, psychische Überlastung oder die Aktivierung besonders belastender Erfahrungen. Andererseits spielen auch bestimmte psychische Mechanismen und innere Schemata eine Rolle, die das Auftreten von Panikattacken begünstigen können.
In diesem Artikel soll anhand eines Fallbeispiels veranschaulicht werden, wie solche Zusammenhänge in einer Psychotherapie sichtbar werden können. Gleichzeitig kann dies Betroffene dazu anregen, über die eigenen Gründe für Panikattacken nachzudenken und diese besser zu erkennen. Schon das kann ein wichtiger Schritt in Richtung Veränderung sein.
Der Text enthält an mehreren Stellen auch therapeutische Kommentare. Sie sollen dabei helfen, besser zu verstehen, welche Ängste hinter den Panikattacken standen, welche psychischen Mechanismen dem Umgang mit diesen Ängsten dienten und weshalb diese Mechanismen zwar einerseits entlastend oder schützend wirken können, andererseits aber oft auch einen hohen inneren Preis haben. Gerade in der Therapie wird häufig sichtbar, dass Veränderungen nicht nur dadurch entstehen, dass Ängste verstanden werden, sondern auch dadurch, dass sich die Art verändert, wie ein Mensch mit diesen Ängsten innerlich umgeht.
Vielleicht kann das Lesen dieses Fallbeispiels auch dazu anregen, sich selbst die Frage zu stellen: Woraus setzt sich meine eigene Angst eigentlich zusammen? Nicht selten zeigt sich dabei, dass hinter einer Panikattacke mehrere innere Bedrohungsgefühle gleichzeitig wirksam sind und dass mit diesen Gefühlen auf bestimmte Weise umgegangen wird, um sie nicht spüren zu müssen.
Es wird dabei gezeigt, dass es möglich sein kann, Panikattacken zu überwinden, ohne ausschließlich direkt an den Panikattacken selbst arbeiten zu müssen. Bei der hier dargestellten Behandlung handelt es sich um eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Der Fokus liegt dabei darauf, die Ursachen der Panikattacken zu verstehen und aufzuarbeiten, um dadurch eine längerfristige Veränderung zu ermöglichen.
Fallbeispiel
Anna ist 47 Jahre alt, seit 13 Jahren verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Sekretärin in einem Büro. Zu Beginn der Therapie berichtet sie, dass sie vor allem werktags morgens und abends unter starken Panikattacken leide. Gelegentlich habe sie solche Zustände auch früher schon erlebt, jedoch nie in dieser Intensität. Sie könne sich nicht erklären, warum diese Attacken auftreten und weshalb sie in letzter Zeit so stark geworden seien.
Im Verlauf der Therapie wurde allmählich deutlich, dass die Panikattacken nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen waren. Vielmehr setzten sie sich aus verschiedenen Ängsten, inneren Konflikten und psychischen Mechanismen zusammen, die sich gegenseitig verstärkten. Gerade dieses Zusammenspiel machte die Panik so intensiv und für Anna zunächst so schwer verständlich.
Welche Ängste hinter der Panik standen
In der ersten Phase der Therapie ging es darum, besser zu verstehen, wodurch die Panikattacken begünstigt wurden und aus welchen Ängsten sich die Panik bei Anna zusammensetzte. Im Verlauf zeigte sich, dass hinter den Anfällen nicht nur eine einzelne Angst stand, sondern mehrere innere Bedrohungsgefühle, die sich überlagerten.

- Angst, verlassen zu werden
Eine der größten Ängste von Anna war die Angst, verlassen zu werden. Innerlich befürchtete sie immer wieder, von ihrem Mann verlassen zu werden oder für ihn nicht ausreichend zu sein. Bevor sich die Panikattacken deutlich intensivierten, musste ihr Mann aufgrund einer Erkrankung für einige Zeit zunächst ins Krankenhaus und anschließend in eine Rehabilitationsmaßnahme. Dieser Aufenthalt aktivierte bei Anna starke Ängste: dass er sterben könnte, nicht mehr zurückkommen könnte oder dort jemand anderen kennenlernen und sich in diese Person verlieben könnte.
In der Therapie wurde in diesem Bereich daran gearbeitet, Annas innere Ängste von realen äußeren Gefahren zu unterscheiden und gleichzeitig ihre Beziehung genauer zu reflektieren. Es zeigte sich, dass Anna aufgrund ihrer Ängste einen starken inneren Drang verspürte, ihren Mann kontrollieren zu müssen, als ob ohne Kontrolle die Beziehung schwächer werden würde. Diese Kontrolle führte jedoch dazu, dass ihr Mann sich häufiger zurückzog. Dies erlebte Anna wiederum als Bestätigung ihrer Angst, wodurch sie noch stärker versuchte, ihn zu kontrollieren. So entstand ein belastender Kreislauf.
Im Verlauf der Therapie konnte Anna nach und nach mehr Vertrauen sowohl zu sich selbst als auch zu ihrem Mann entwickeln. Sie begann, ihre Beziehung weniger über Kontrolle, sondern stärker über Kontakt, Offenheit und innere Sicherheit zu gestalten. Für Anna war es überraschend zu erleben, dass mehr Vertrauen nicht dazu führte, verlassen zu werden, sondern im Gegenteil dazu beitrug, dass sie wieder mehr Nähe zu ihrem Mann spüren konnte.
Kommentar:
Hier zeigte sich als ein wichtiger Baustein der Panik die Angst, verlassen zu werden und nicht ausreichend zu sein. Der psychische Mechanismus, mit dem Anna versuchte, mit dieser Angst umzugehen, war vor allem Kontrolle. Die Kontrolle diente ihr zunächst dazu, Unsicherheit zu reduzieren und sich vor dem befürchteten Verlust zu schützen. Gleichzeitig hatte dieser Mechanismus aber einen hohen Preis: Er erzeugte Druck in der Beziehung, führte zum Rückzug des Partners und verstärkte damit genau jene Angst, vor der Anna sich schützen wollte. Im Verlauf der Therapie konnte Anna zunehmend zwischen realer Gefahr und innerer Verlustangst unterscheiden. Sie lernte, weniger über Kontrolle und mehr über Vertrauen in Beziehung zu gehen. Dadurch wurde die Partnerschaft für sie weniger zu einem Ort der ständigen Bedrohung und wieder stärker zu einem Ort von Nähe, Halt und emotionaler Sicherheit.

- Angst vor Bestrafung und vor katastrophalen Konsequenzen
Sehr schnell zeigte sich außerdem, dass Anna ein Mensch war, der äußerst gewissenhaft arbeitete und sehr hohe, fast perfektionistische Ansprüche an sich selbst stellte. Sie wollte alles sehr genau und möglichst fehlerfrei machen. Da sie von anderen als zuverlässig und verantwortungsvoll erlebt wurde, erhielt sie immer wieder zusätzliche Aufgaben – oft gerade diejenigen, bei denen besonderer Einsatz erwartet wurde.
Mit der Zeit führte das zu einer deutlichen Überforderung. Anna war häufig erschöpft, innerlich angespannt und fühlte sich dauerhaft unter Druck. Trotzdem konnte sie kaum „Nein“ sagen oder sich abgrenzen. Das Setzen von Grenzen oder das Ablehnen von Aufgaben löste in ihr starke Ängste vor Konsequenzen aus: „Mein Chef wird enttäuscht sein“, „Ich werde als unzuverlässig erlebt“, „Ich muss diese Aufgabe besonders gut erfüllen“, „Ich könnte meine Arbeit verlieren“. Die Angst, ihre Arbeit zu verlieren, war innerlich stark mit der Vorstellung von Bestrafung verbunden.
In der Therapie konnte Anna die innere Falle, in der sie sich befand, zunehmend erkennen. Wenn sie nicht absagte und keine Grenzen setzte, führte das bei ihr zu Überforderung, Erschöpfung und psychischer Daueranspannung – Zustände, die wiederum das Auftreten von Panikattacken begünstigten. Gerade bei starker Müdigkeit und innerer Überlastung funktioniert die Psyche oft weniger stabil, was die Entstehung von Panik erleichtern kann.
Umgekehrt löste das Setzen von Grenzen oder das Absagen bei ihr zunächst massive Angst aus, etwa die Angst, Anerkennung zu verlieren, als ungenügend zu gelten oder sogar die Arbeit zu verlieren. Diese inneren Reaktionen waren anfangs kaum auszuhalten. Daher hatte sie das Gefühl, sich ständig anpassen und alles besonders gut machen zu müssen.
Kommentar:
Ein weiterer wichtiger Baustein der Panik waren hier die Ängste vor Bestrafung, vor negativen Konsequenzen und vor einer innerlich erwarteten Katastrophe, sobald Anna nicht mehr alles perfekt erfüllte. Die psychischen Mechanismen, mit denen sie versuchte, diese Ängste zu bewältigen, waren vor allem Anpassung, übermäßige Verantwortungsübernahme und Perfektionismus. Diese Mechanismen halfen ihr zunächst, Angst zu vermeiden, Kritik vorzubeugen und das Gefühl zu haben, alles unter Kontrolle zu halten. Gleichzeitig waren die Kosten sehr hoch: Sie führten zu Überforderung, Erschöpfung, innerer Daueranspannung und letztlich zu einer erhöhten Anfälligkeit für Panikattacken. In der Therapie begann Anna, diese innere Falle klarer zu erkennen. Sie lernte schrittweise, ihre Grenzen früher wahrzunehmen, kleine Absagen auszuhalten und zu erleben, dass nicht jede Abgrenzung automatisch zu Bestrafung oder Katastrophe führt. Dadurch konnte sich ihr innerer Druck langsam verringern, und der Zwang, immer alles besonders gut und fehlerfrei machen zu müssen, wurde etwas schwächer.

- Angst vor Verurteilung, Abwertung und Ausschluss
Ein weiterer wichtiger Bereich betraf Annas Angst vor Verurteilung, Abwertung und davor, ausgeschlossen oder nicht gemocht zu werden. Für Anna war es von großer Bedeutung, wie sie von anderen Menschen erlebt wurde. Sie wollte anderen stets gefallen und hatte große Angst, kritisiert zu werden oder eigene Wünsche und Bedürfnisse zu vertreten.
Die Kosten dieser Haltung waren hoch. Anna konnte sich anderen gegenüber oft nicht authentisch zeigen. Sie frustrierte immer wieder ihre eigenen Bedürfnisse, überforderte sich, fühlte sich häufig ausgenutzt und hatte doch gleichzeitig das Gefühl, weiter so handeln zu müssen. Sie glaubte, dass andere Menschen sie vor allem dann mögen würden, wenn sie ihnen helfe, für sie da sei oder etwas für sie tue.
Gleichzeitig hatte sie ursprünglich große Angst davor, dass sie ausgelacht, nicht gemocht oder nicht anerkannt werden könnte, wenn sie etwas nicht tue oder sich abgrenze. Diese Angst verstärkte ihre Tendenz zur Anpassung noch weiter.
Im Verlauf der Therapie konnte Anna gerade in diesem Bereich deutliche Fortschritte machen. Sie begann allmählich zu erleben, dass Beziehungen nicht ausschließlich auf Leistung, Gefälligkeit oder Selbstverzicht beruhen müssen.
Kommentar:
Ein dritter wichtiger Baustein der Panik war die Angst, verurteilt, abgewertet, ausgeschlossen oder nicht gemocht zu werden. Die Mechanismen, mit denen Anna versuchte, mit diesen Ängsten umzugehen, waren vor allem Anpassung, Überarbeitung, starkes Funktionieren und ein ständiges Agieren für andere. Diese Mechanismen hatten zunächst die Funktion, Zugehörigkeit zu sichern, Kritik zu vermeiden und das Risiko von Ablehnung möglichst klein zu halten. Gleichzeitig waren auch hier die Kosten erheblich: Anna entfernte sich von ihren eigenen Bedürfnissen, konnte sich oft nicht authentisch zeigen, fühlte sich ausgenutzt und geriet immer wieder in Überforderung. Im Verlauf der Therapie machte sie zunehmend die Erfahrung, dass es auch Menschen gibt, die ihre Absagen respektieren und ihre Grenzen annehmen können. Sie begann zu verstehen, dass ihr Wert nicht nur von Leistung, Hilfsbereitschaft oder Anpassung abhängt, sondern auch unabhängig davon bestehen kann. Dadurch wurde es für sie besser möglich, eigene Wünsche zu spüren, sie vorsichtig zu äußern und sich in Beziehungen etwas echter und freier zu erleben.
Panikattacken als Hinweis auf unbewusste Bedrohungsgefühle: Arbeit mit Träumen
Anna berichtete im Verlauf der Therapie von wiederkehrenden Träumen. In einem Traum befand sie sich an einem Ort, an dem sie von mehreren Füchsen umgeben war, die sie bedrohten. Menschen stachen sie mit Nadeln. In einem anderen Traum erschien ein großer Mann mit scharfen Zähnen. Sie selbst fühlte sich darin wie ein kleines Kind. Der Mann schrie sie an und wirkte, als wolle er ihr etwas antun.
Die therapeutische Arbeit mit diesen Träumen zeigte, dass sie in symbolischer Form widerspiegelten, was Anna im Alltag emotional erlebte. Der erste Traum bezog sich auf einige Kolleginnen bei der Arbeit. Es stellte sich heraus, dass Anna ihnen innerlich oft misstraute und sie als falsch oder unehrlich erlebte. Gleichzeitig machten diese Kolleginnen ihr gegenüber wiederholt sarkastische Bemerkungen. Das, was im Traum als Bedrohung, Beißen oder Stechen erschien, entsprach ihrem inneren Erleben dieser Situationen.
Der zweite Traum bezog sich auf einen Vorgesetzten, vor dem Anna große Angst hatte. Sie erlebte ihn als sehr streng, dominant und belastend. In seiner Gegenwart fühlte sie sich klein, hilflos und innerlich wie ein Kind. Besonders belastend war für sie auch, dass sie miterlebte, wie er andere Menschen scharf kritisierte. Der Mann mit den scharfen Zähnen stand sinnbildlich für diese bedrohlich erlebte Autoritätsfigur.
Die Arbeit mit den Träumen half deshalb nicht nur dabei, die Intensität ihrer Gefühle besser zu verstehen, sondern auch unbewusste Bedrohungsgefühle sichtbar zu machen, die im Alltag oft nur indirekt wahrgenommen wurden. Träume wurden in diesem Zusammenhang zu einem Zugang zu inneren Ängsten, die sich tagsüber eher in Form von Spannung, Anpassung oder Panik ausdrückten.
Gerade an dieser Stelle wird erneut deutlich, dass Panikattacken nicht nur als einzelne Symptome verstanden werden können. Sie stehen oft in Zusammenhang mit inneren Bedrohungsgefühlen, die einem Menschen nicht immer vollständig bewusst sind, sich aber in Träumen, in körperlicher Anspannung oder eben in Panikzuständen ausdrücken können.
Woher kamen diese Ängste?
Niemand, der unter Panikattacken leidet, will so etwas erleben, und niemand hat sich die dahinterstehenden Ängste bewusst ausgesucht. In der Therapie geht man oft davon aus, dass belastende innere Zustände – wie starke Ängste – eine Quelle haben. Diese Quelle liegt nicht selten in vergangenen Erfahrungen.
Anna entschloss sich im Verlauf der Therapie auch dazu, über ihre Vergangenheit nachzudenken. Dabei konnte sie viele Zusammenhänge zwischen aktuellen Erlebnissen und früheren Erfahrungen erkennen. Manche gegenwärtigen Situationen hatten die Wirkung, alte, nicht verarbeitete Erlebnisse wieder zu aktivieren. Im Laufe der Therapie machte Anna die Erfahrung, diese früheren Gefühle und Zusammenhänge besser wahrnehmen und seelisch verarbeiten zu können. Dadurch konnte sie sich schrittweise von deren destruktiver Wirkung entlasten.
Wichtig ist dabei zu betonen, dass dies nicht immer bedeutet, dass alte Erfahrungen in jeder Therapie aufgearbeitet werden müssen, um Panikattacken zu überwinden. Nicht jede Therapieform arbeitet auf diese Weise, etwa nicht in jeder Form der Verhaltenstherapie. Im tiefenpsychologischen Ansatz dient die Beschäftigung mit der Vergangenheit dazu, sich selbst im Nachhinein besser zu verstehen, sich innerlich freier zu erleben und entlasteter zu werden. Sie sollte jedoch niemals gegen den Willen der Patientin oder des Patienten erfolgen.
Bei Anna zeigten sich vor allem folgende Erfahrungen als bedeutsam:
- Mobbingerfahrungen in der Schule
Im Verlauf der Therapie wurde deutlich, dass Anna bereits in ihrer Schulzeit belastende Erfahrungen gemacht hatte. Als Schülerin in der Grundschule wurde sie häufig gehänselt, ausgegrenzt und von anderen Kindern verspottet. Diese Erfahrungen hatten sich tief eingeprägt und waren emotional nie wirklich verarbeitet worden.
Dadurch bekamen die sarkastischen Kommentare der Kolleginnen im Berufsleben eine zusätzliche innere Bedeutung. Es ging nicht nur um die aktuelle Situation im Büro. Vielmehr wurde durch diese Bemerkungen die alte, unverarbeitete Verletzung aus der Schulzeit wieder aktiviert. Anna reagierte deshalb nicht nur auf das, was im Hier und Jetzt geschah, sondern zugleich auch auf die frühere Erfahrung von Beschämung, Ausgeliefertsein und Ohnmacht.
Ein wichtiger Teil der Therapie bestand daher darin, diese alten Erfahrungen besser zu verstehen und ihre emotionale Wirkung zu bearbeiten.
- Der kritische und fordernde Vater
Darüber hinaus zeigte sich, dass Anna einen sehr strengen, kritischen und stark fordernden Vater hatte. Er erwartete viel von ihr und vermittelte ihr früh, dass Fehler problematisch seien und möglichst vermieden werden müssten. Auf diese Weise entstanden in Anna innere Schemata wie: „Ich muss perfekt sein“, „Ich darf keine Fehler machen“, „Nur wenn ich alles richtig mache, bin ich in Ordnung.“
Diese innere Prägung wirkte bis ins Erwachsenenleben fort. In belastenden beruflichen Situationen, insbesondere im Kontakt mit dem strengen Vorgesetzten, wurden diese alten Muster wieder lebendig. Die Angst vor Kritik, vor Versagen und vor Abwertung verstärkte sich. Der Vorgesetzte wurde dadurch nicht nur als aktuelle Autoritätsperson erlebt, sondern zugleich unbewusst mit früheren Erfahrungen von Strenge, Kritik und Druck verknüpft.
Auch dieser Zusammenhang konnte in der Therapie bearbeitet werden. Anna begann zu verstehen, dass ein Teil ihrer starken Angst nicht nur aus der Gegenwart stammte, sondern aus alten Beziehungserfahrungen, die bis heute in ihr wirksam waren.
Gerade durch diese Bezüge zur Vergangenheit wurde verständlicher, warum bestimmte gegenwärtige Situationen bei Anna so viel stärkere Angst auslösten, als es von außen vielleicht nachvollziehbar erschien. Die aktuelle Situation war dann nicht nur gegenwärtig, sondern zugleich mit älteren Erfahrungen innerlich „aufgeladen“.
Erklärung: Warum die Panikattacken morgens und abends auftraten
Im Laufe der Therapie ließ sich besser verstehen, warum die Panikattacken besonders morgens und abends auftraten.
Morgens hingen die Attacken wahrscheinlich damit zusammen, dass der bevorstehende Arbeitstag unbewusst viele Ängste aktivierte: die Angst vor Bestrafung oder Kritik durch Vorgesetzte, die Angst vor abwertenden Bemerkungen von Kolleginnen, die Angst, etwas nicht gut genug zu machen, und auch die Angst vor der zeitweisen Trennung von ihrem Mann.
Tagsüber wurden diese Ängste durch Tätigkeit und innere Mechanismen wie Anpassung, Agieren, Funktionieren und Perfektionismus eher „zur Seite gelegt“. Anna war beschäftigt, funktionierte und hielt sich innerlich in Bewegung. Dadurch waren viele der Ängste weniger bewusst spürbar.
Am Abend dagegen, besonders vor dem Einschlafen, fiel diese äußere Aktivität weg. Es gab dann weniger Ablenkung, weniger Tun, weniger psychische Abwehr durch Funktionieren. In dieser ruhigeren Phase konnten die zuvor abgewehrten oder beiseitegeschobenen Ängste wieder stärker auftauchen. Auch deshalb traten die Panikattacken zu dieser Tageszeit vermehrt auf.
Auch dieser Abschnitt macht noch einmal deutlich, dass Panikattacken oft nicht zufällig auftreten. Sie entstehen häufig dort, wo innere Ängste entweder schon aktiviert werden oder nicht mehr so gut durch Aktivität, Anpassung oder Funktionieren abgewehrt werden können.
Zusammenfassung
Das Fallbeispiel zeigt, dass Panikattacken häufig nicht isoliert verstanden werden können. Sie sind oft Ausdruck mehrerer Ängste, innerer Konflikte und psychischer Mechanismen, die zusammenwirken.
Im Fall von Anna wurde deutlich, dass sich die Panik aus verschiedenen Angstbausteinen zusammensetzte: aus Angst, verlassen zu werden, aus Angst vor Bestrafung und katastrophalen Konsequenzen sowie aus Angst vor Abwertung, Verurteilung und Ausschluss. Hinzu kamen psychische Mechanismen wie Kontrolle, Anpassung, Perfektionismus und ständiges Funktionieren. Diese Mechanismen dienten einerseits dazu, mit den Ängsten umzugehen und sie möglichst nicht spüren zu müssen. Andererseits hatten sie einen hohen Preis: Sie führten zu Überforderung, innerer Daueranspannung, Beziehungsschwierigkeiten, Selbstentfremdung und damit auch zu einer erhöhten Anfälligkeit für Panikattacken.
Bereits die Entlastung im Alltag und das bessere Verstehen dieser Mechanismen führten dazu, dass die Panikattacken seltener und schwächer wurden. Schon die Erkenntnis, wie sehr psychische Daueranspannung und innere Überforderung das Auftreten von Panik begünstigen können, war therapeutisch von großer Bedeutung.
Bemerkenswert ist, dass in dieser Therapie nicht in erster Linie direkt „gegen die Panikattacken“ gearbeitet wurde. Dennoch verschwanden sie im Verlauf der tiefergehenden psychotherapeutischen Arbeit nachhaltig. Das weist darauf hin, dass Panikattacken oft eher ein Symptom tieferliegender Ängste und innerer Konflikte sind als das eigentliche Grundproblem.
Ergänzend sei erwähnt, dass Anna auch unter weiteren Beschwerden litt, die mit ihren Ängsten zusammenhingen, etwa unter zwanghaften Anteilen wie wiederholtem Händewaschen, Kontrollieren und dem mehrmaligen Wiederholen bestimmter Handlungen. Auf diese Aspekte wird in diesem Artikel jedoch nicht näher eingegangen, um den Rahmen nicht zusätzlich zu erweitern.
Abschließender Hinweis:
Die in diesem Artikel dargestellte Sichtweise ist eine mögliche Art, Panikattacken zu verstehen – insbesondere aus einer tiefenpsychologisch fundierten Perspektive. Andere therapeutische Schulen können Panikattacken anders erklären und mit anderen Schwerpunkten behandeln. Es gibt also nicht nur einen einzigen Zugang, sondern mehrere mögliche und sinnvolle therapeutische Herangehensweisen.
Ebenso wichtig ist, dass vor der Annahme, es handle sich um Panikattacken, zunächst eine somatische bzw. ärztliche Untersuchung erfolgen sollte, um organische Ursachen auszuschließen.
Autor. Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien-und Lebensberater
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