Was ist Supervision? Ablauf einer Supervision- ein Fallbeispiel
Ablauf einer Supervision – ein Fallbeispiel aus der Praxis
Supervision kann sehr unterschiedlich aussehen. Oft ist es leichter, sich darunter etwas vorzustellen, wenn man nicht nur eine allgemeine Definition liest, sondern einen konkreten Fall betrachtet.
Das folgende Beispiel zeigt, wie Supervision in der Praxis aussehen kann. Dabei ist Supervision vor allem ein Prozess der Reflexion: Man betrachtet die eigene Arbeit noch einmal mit etwas Abstand, denkt darüber nach, was in einer Beratung oder Therapie geschehen ist, wie man selbst gehandelt und reagiert hat und welchen Einfluss dies auf den weiteren Verlauf haben könnte.
Dabei kann sowohl die Situation der Klientin oder des Klienten als auch die eigene Wahrnehmung der Fachperson genauer betrachtet werden: Welche Annahmen habe ich getroffen? Was habe ich möglicherweise übersehen? Was löst die Situation bei mir selbst aus? Und welche anderen Möglichkeiten des Verstehens und Handelns könnten sich daraus ergeben?
Eine solche Reflexion kann dazu führen, Zusammenhänge differenzierter zu verstehen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Wie das konkret aussehen kann, zeigt das folgende Fallbeispiel.
Die Ausgangssituation
Ein Psychologe/Berater kommt zur Supervision. Er berichtet von einer Sitzung mit einer Klientin, die auf ihn sehr niedergeschlagen, traurig und antriebslos wirkte.
Die Klientin erzählte, dass ihre Mutter vor etwa zwei Monaten gestorben sei. Sie sagte auch, dass sie zu nichts Lust habe und sich insgesamt depressiv fühle.
Der Psychologe/Berater wollte empathisch reagieren und sprach ihr sein Beileid aus. Gleichzeitig hatte er den Eindruck, dass die Klientin diesem Beileid zwar zustimmte, innerlich aber nicht wirklich damit verbunden war.
Es wirkte nicht so, als würde sie tatsächlich vor allem Trauer über den Tod ihrer Mutter empfinden.
Der Psychologe/Berater erinnerte sich an theoretische Modelle zum Trauerprozess. Er vermutete, dass die Klientin sich vielleicht noch in einer Schockphase befinde und den Tod ihrer Mutter noch nicht richtig realisieren könne.
Er teilte ihr diese Überlegung mit. Die Klientin stimmte zwar zu, wirkte dabei aber nicht wirklich überzeugt.
Mit welcher Frage kam der Psychologe in die Supervision?
In die Supervision brachte der Psychologe/Berater deshalb vor allem zwei Fragen mit:
Befindet sich die Klientin in einer Schockphase?
Wie kann der Übergang von dieser Phase in eine andere Phase begleitet werden?
Zunächst erschienen diese Fragen durchaus nachvollziehbar. In der Supervision wurde der Psychologe/Berater jedoch dazu angeregt, noch einmal einen Schritt zurückzugehen und genauer hinzuschauen.
Eine erste wichtige Frage lautete:
Seit wann besteht die depressive Stimmung eigentlich?
War sie tatsächlich erst nach dem Tod der Mutter entstanden?
Oder gab es diese Niedergeschlagenheit bereits vorher?
Dabei wurde ein wichtiger Unterschied sichtbar.
Der Psychologe/Berater hatte selbst einen Zusammenhang hergestellt: Er hatte die depressive Stimmung der Klientin mit dem Tod ihrer Mutter verbunden.
Die Klientin selbst hatte diesen Zusammenhang jedoch nicht eindeutig formuliert.
Sie hatte den Tod ihrer Mutter erwähnt und gleichzeitig von ihrer depressiven Stimmung gesprochen. Sie hatte aber nicht gesagt, dass sie erst seit dem Tod ihrer Mutter und aufgrund dieses Todes depressiv sei.
Muss nach dem Tod eines Angehörigen vor allem Trauer entstehen?
Ein weiterer wichtiger Punkt in der Supervision war die Frage, welche Gefühle nach dem Tod eines Angehörigen überhaupt auftreten können.
Der Psychologe/Berater hatte den Tod der Mutter zunächst vor allem mit Traurigkeit verbunden.
In der Reflexion wurde jedoch deutlich: Menschen können auf den Tod eines Angehörigen sehr unterschiedlich reagieren.
Neben Trauer können beispielsweise auch auftreten:
- Erleichterung
- Schuldgefühle
- Wut
- innere Leere
- Ambivalenz
- oder auch das Gefühl, gar nichts zu spüren
Das kann besonders dann eine Rolle spielen, wenn die Beziehung zu der verstorbenen Person schwierig, belastend oder verletzend war.
Deshalb wurde der Psychologe/Berater angeregt, in der nächsten Sitzung mehr über die Beziehung zwischen der Klientin und ihrer Mutter zu erfahren.
Zum Beispiel:
Wie hat die Klientin ihre Mutter erlebt?
Welche Erinnerungen verbindet sie mit ihr?
Gab es Verletzungen, Angst, Wut oder Schuldgefühle?
Warum wollte der Psychologe so schnell etwas erklären?
In der Supervision wurde auch darüber gesprochen, warum der Psychologe/Berater so schnell auf das Modell des Trauerprozesses zurückgegriffen hatte.
Dabei erkannte er, dass er in der Sitzung nicht genau wusste, was er sagen sollte.
Gleichzeitig hatte er das Gefühl, etwas sagen zu müssen.
Dieses Gefühl ist in Beratungssituationen nicht ungewöhnlich. Gerade wenn eine Klientin von einem schweren Thema berichtet, kann bei einer Fachperson der innere Druck entstehen, sofort etwas Hilfreiches, Tröstendes oder Erklärendes sagen zu müssen.
In der Supervision wurde eine andere Möglichkeit sichtbar:
Manchmal kann es hilfreicher sein, nicht sofort eine Erklärung anzubieten, sondern zunächst genauer wahrzunehmen und vorsichtig zu spiegeln, was in der Situation spürbar ist.
Eine mögliche Intervention hätte zum Beispiel so klingen können:
„Während Sie das sagen und ich Sie anschaue, habe ich den Eindruck, als ob Sie noch etwas Belastendes in sich tragen, das aber nicht ausgesprochen werden kann. Es wirkt, als sei es so schwer, dass es kaum anzusprechen ist.“
Eine solche Intervention kann der Klientin helfen, stärker mit dem eigenen Erleben in Kontakt zu kommen.
Gleichzeitig vermittelt sie ihr, dass der Psychologe wahrnimmt, dass etwas Belastendes vorhanden ist, ohne vorschnell festzulegen, was dieses Belastende genau sein muss.
Was zeigte sich in den weiteren Gesprächen?
In der nächsten Supervision berichtete der Psychologe/Berater, dass er inzwischen mehr über die Geschichte der Klientin erfahren hatte.
Dabei zeigte sich:
Die depressive Stimmung war nicht erst durch den Tod der Mutter entstanden. Sie bestand bereits seit längerer Zeit.
Die Klientin hatte sich in der Beziehung zu ihrer Mutter häufig als schlecht, falsch oder nicht ausreichend erlebt.
Außerdem berichtete sie von schwierigen Beziehungserfahrungen in ihrem späteren Leben. In Partnerschaften fühlte sie sich häufig betrogen, nicht gesehen und nicht wirklich angenommen.
Der Tod der Mutter hatte ihre depressive Stimmung also möglicherweise nicht verursacht, sondern eher verstärkt.
Das Schuldgefühl der Klientin
Ein weiterer wichtiger Punkt war das Schuldgefühl der Klientin.
Sie dachte, sie müsse traurig sein.
Weil sie diese Traurigkeit aber nicht klar spürte, verurteilte sie sich selbst. Sie erlebte sich als eine „schlechte Tochter“.
Erst als sie mehr über die Beziehung zu ihrer Mutter sprach, wurde ein anderes Bild sichtbar.
Die Klientin berichtete von psychischer und körperlicher Gewalt in ihrer Kindheit. Viele dieser Erfahrungen hatte sie lange verdrängt oder verharmlost.
Dadurch wurde verständlicher, warum sie keine einfache Trauer empfinden konnte.
Vielleicht hätte reine Traurigkeit für sie bedeutet, die erlebten Verletzungen erneut zu verleugnen.
Wenn sie nur um ihre Mutter getrauert hätte, wäre ein wichtiger Teil ihrer eigenen Geschichte unsichtbar geblieben:
die Angst, die Wut, die Kränkung und die Verletzungen, die sie in dieser Beziehung erlebt hatte.
In der Beratung konnte der Klientin diese Perspektive gespiegelt werden.
Für sie war das entlastend.
Sie musste sich nicht mehr dazu zwingen, ein bestimmtes Gefühl zu empfinden. Gleichzeitig bekam auch ihre verletzte Seite Raum und Anerkennung.
Was zeigt dieses Fallbeispiel über Supervision?
Das Beispiel zeigt, dass Supervision auf unterschiedlichen Ebenen hilfreich sein kann. Dabei geht es nicht nur darum, für einen konkreten Fall eine einzelne „richtige“ Lösung zu finden. Vielmehr kann Supervision dazu beitragen, die eigene Wahrnehmung zu erweitern und besser zu verstehen, wie bestimmte Schlussfolgerungen, Reaktionen und Handlungsmöglichkeiten überhaupt entstanden sind.
Eigene Annahmen genauer betrachten
Der Psychologe/Berater hatte zunächst einen durchaus nachvollziehbaren Zusammenhang hergestellt: Die Mutter der Klientin war gestorben, die Klientin wirkte depressiv und niedergeschlagen – deshalb lag die Annahme eines Trauerprozesses nahe.
In der Supervision wurde jedoch sichtbar, dass dieser Zusammenhang zunächst vor allem vom Psychologen selbst hergestellt worden war.
Die Klientin hatte zwar vom Tod ihrer Mutter und von ihrer depressiven Stimmung berichtet, aber nicht eindeutig gesagt, dass das eine die Ursache des anderen sei.
Supervision kann an solchen Stellen helfen, genauer zu unterscheiden zwischen dem, was tatsächlich berichtet wurde, und dem, was die Fachperson selbst daraus schließt.
Theoretisches Wissen erweitern, statt sich darauf zu beschränken
Auch theoretisches Wissen spielt in der professionellen Arbeit eine wichtige Rolle. Gleichzeitig kann es passieren, dass ein bekanntes Modell den Blick zu früh in eine bestimmte Richtung lenkt.
In diesem Fall führte das Wissen über Trauerphasen zunächst zu der Vorstellung, die Klientin befinde sich möglicherweise in einer Schockphase.
Durch die Supervision wurde der Blick wieder erweitert.
Es entstand Raum für weitere Möglichkeiten: Vielleicht ging es nicht nur um Trauer, sondern auch um Wut, Schuld, Ambivalenz, Verletzungen oder frühere Erfahrungen in der Beziehung zur Mutter.
Supervision kann deshalb helfen, theoretisches Wissen nicht zu verwerfen, sondern es in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und zu prüfen, wie gut es zum konkreten Menschen passt.
Die eigene Reaktion als Teil des Geschehens verstehen
Ein weiterer wichtiger Punkt war die Reaktion des Psychologen selbst.
Er wusste in der Sitzung nicht genau, was er sagen sollte, und spürte gleichzeitig den Druck, etwas Hilfreiches oder Erklärendes anbieten zu müssen.
Auch solche eigenen Reaktionen können in der Supervision betrachtet werden.
Sie sind nicht nur etwas, das bei der Fachperson „stört“, sondern können manchmal wichtige Hinweise darauf geben, was in der therapeutischen oder beratenden Situation geschieht.
In diesem Fall führte die Reflexion dazu, weniger schnell erklären zu müssen und stärker wahrzunehmen, was bei der Klientin tatsächlich spürbar war.
Neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln
Durch dieses veränderte Verständnis entstanden auch neue Möglichkeiten für die praktische Arbeit.
Anstatt die Klientin weiter vor allem entlang eines Trauermodells zu begleiten, konnte der Psychologe genauer nach ihrer Beziehung zur Mutter, ihren Erfahrungen und ihren tatsächlichen Gefühlen fragen.
Dadurch wurden Themen sichtbar, die vorher kaum im Blick gewesen waren: Gewalt, Angst, Wut, Schuldgefühle und Ambivalenz.
Das Beispiel zeigt damit einen wichtigen möglichen Effekt von Supervision:
Wenn sich das Verständnis eines Falles erweitert, erweitern sich häufig auch die Möglichkeiten des Handelns.
Supervision bedeutet in diesem Sinne nicht einfach, von einer anderen Person eine Antwort zu bekommen. Sie kann vielmehr dabei helfen, das eigene Denken, Wahrnehmen und Handeln genauer zu reflektieren und dadurch neue Möglichkeiten in der konkreten Arbeit zu entdecken.
Was hat sich durch die Supervision verändert?
Zu Beginn stand vor allem die Frage im Raum:
„Wie kann ich die Klientin durch die Schockphase ihres Trauerprozesses begleiten?“
Im Verlauf der Supervision entstand jedoch eine grundlegend andere Frage:
„Was erlebt diese Frau eigentlich – und warum fällt es ihr möglicherweise so schwer, überhaupt zu sagen, was sie gegenüber ihrer Mutter empfindet?“
Damit verschob sich der Blick von einer relativ festen Erklärung hin zu einem breiteren Verständnis der Lebensgeschichte, der Beziehung zur Mutter und der inneren Konflikte der Klientin.
Gerade darin kann ein wesentlicher Wert von Supervision liegen: Nicht unbedingt sofort eine bessere Antwort zu bekommen, sondern zunächst genauer zu verstehen und dadurch andere Fragen stellen zu können.
Fazit: Supervision anhand eines konkreten Falles
Dieses Fallbeispiel zeigt, wie eine zunächst naheliegende Erklärung durch Supervision erweitert werden kann.
Der Tod der Mutter war tatsächlich ein wichtiges Ereignis. Er erklärte die depressive Stimmung der Klientin jedoch nicht vollständig. Erst durch genaueres Hinschauen wurden weitere Zusammenhänge sichtbar: frühere Gewalterfahrungen, Schuldgefühle, Wut, Ambivalenz und die schwierige Beziehung zur Mutter.
Supervision kann Fachpersonen dabei unterstützen, solche Zusammenhänge bewusster wahrzunehmen, eigene Annahmen zu überprüfen und zusätzliche Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Dabei geht es nicht darum, dass ein Supervisor für jeden Fall die richtige Antwort kennt. Vielmehr kann Supervision einen Raum schaffen, in dem genauer gesehen, differenzierter verstanden und anschließend bewusster gehandelt werden kann.
Autor:
Mag. Wojciech Michalek
Psychotherapeut, Lebensberater