Panikattacke: Ein Ruf aus der Seele – über den Körper – nach Hilfe und Entlastung
Inhalt:
- Panikattacke: Was ist los mit mir? – Symptome und Ungewissheit
- Panikattacke als innerer Ruf – ein verborgener Hilferuf (Beispiel aus der Praxis)
- Dagegen kämpfen – oder nicht?
- Expositionstherapie: hilfreich, aber nicht immer sofort
1) Panikattacken: Was ist los?
Panikattacken kommen oft ganz plötzlich und unerwartet. Das Herz schlägt wie verrückt, die Hände zittern, man bekommt schlecht Luft, und es entsteht eine starke Angst, dass gleich etwas Schlimmes passiert. Innerlich fühlt man sich unsicher und bedroht. Körperlich ist eindeutig spürbar: Etwas stimmt nicht. Gleichzeitig weiß man gar nicht, warum und wieso.
Im Nachhinein tauchen häufig Fragen auf: Was ist los? Was war das? Ist das eine körperliche Erkrankung – ist gesundheitlich alles in Ordnung?
Medizinische Untersuchungen zeigen oft keine eindeutigen biologischen Ursachen und weisen eher auf psychische Faktoren hin. Das weckt weitere belastende Fragen: Ist alles mit mir in Ordnung? Bin ich „normal“ – oder sogar psychisch krank? (Eine Panikattacke bedeutet nicht automatisch eine schwere psychische Erkrankung.) Die Angst wird dadurch häufig noch stärker.
Nicht selten kommt eine zusätzliche Belastung dazu: Schamgefühle. Man schämt sich für etwas, das man nicht gewählt hat, das man nicht gewollt hat – und trotzdem davon betroffen ist. Manchmal ist der Einsatz von Notdiensten notwendig, ein anderes Mal passiert der Anfall an einem Ort, an dem andere dabei sind: bei der Arbeit, im öffentlichen Raum, im Gespräch mit Menschen.
Die Belastung wird oft auch dadurch stärker, dass man es selbst nicht versteht – und häufig von anderen nicht verstanden wird. Man kann sagen: Zusätzlich dazu, dass Panikattacken an sich schon schrecklich sind, kommen diese weiteren Belastungen dazu. Das ist ein enormes psychisches Leid.
2) Panikattacke: Ein Ruf aus der Seele – über den Körper – nach Hilfe und Entlastung
Eine Möglichkeit, Panikattacken psychotherapeutisch zu verstehen, ist, sie als einen nicht „symbolisierten“ (oder verschlüsselten) Ruf der Seele/Psychik nach Hilfe zu sehen.
„Symbolisiert“ bedeutet: Hinter dem, was sichtbar ist (körperliche und psychische Überforderung, große Angst), steckt oft etwas Unsichtbares – konkrete Ursachen und Mechanismen, die man verstehen und aufarbeiten kann.
Beispiel aus der therapeutischen Praxis
Eine 41-jährige Frau hatte in den letzten zwei Jahren immer wieder Angstanfälle bei der Arbeit. Sie verstand nicht, warum. Eine genaue Analyse dessen, worauf die Angst aufgebaut war, zeigte bestimmte Merkmale:
- Sie hatte sehr hohe Selbstansprüche und war sehr gewissenhaft: Sie wollte alles sehr gut machen, sogar besser als erwartet.
- Sie hatte eine perfektionistische Einstellung: Fehler konnte sie kaum akzeptieren.
- Sie konnte schwer Grenzen setzen und eigene Bedürfnisse vertreten: Das war bei ihr mit tiefen Ängsten verbunden.
- Sie hatte belastende, teilweise unbewusste Erfahrungen.
Hier könnte man sagen: Hinter den Panikattacken standen bestimmte „Botschaften“. Als diese therapeutisch aufgearbeitet wurden, traten die Panikattacken nicht mehr auf.
Botschaften hinter der Panik (mögliche Bedeutungen)
- Passe deine Selbstansprüche an deine Grenzen und Kräfte an, statt dich ständig zu überfordern. (Die Frau konnte auch die Erfahrung machen, dass das keine realen schlimmen Folgen hat – früher hatte sie das befürchtet.)
- Erlaube dir menschliche Fehler und Begrenzungen, ohne dich dabei als „schlecht“ zu erleben oder das Gefühl zu haben, zu versagen.
- Erlaube dir, deine Bedürfnisse und Grenzen zu vertreten – ohne inadäquate Schuldgefühle.
- Schau fürsorglich auf das, was dich aus der Vergangenheit belastet, damit es dich in der Gegenwart nicht mehr so stark beeinflusst.
3) Kämpfen damit – oder nicht?
Dadurch, dass Panikattacken so viel Leid verursachen, ist es selbstverständlich, dass man sie sofort „loswerden“ will. Das führt manchmal zu einer inneren Haltung, gegen sie kämpfen zu müssen. Das kann jedoch zur Falle werden, wenn dieser Kampf zu zusätzlichem Druck führt: Man spürt, dass man etwas kontrollieren oder bekämpfen muss, was bis dato unerwartet und unkontrollierbar war. Man will es kontrollieren – weiß aber nicht, wie.
Die therapeutische Erfahrung zeigt, dass es oft besser ist, statt zu kämpfen (wenn das Kämpfen eine zusätzliche Quelle inneren Drucks ist): anzunehmen und zu verstehen. Zu verstehen, dass hinter Panikattacken konkrete Ursachen und Mechanismen stehen, die sich verändern und aufarbeiten lassen – und dass Panikattacken dann auch wieder verschwinden können.
Expositionstherapie: hilfreich – aber nicht immer „sofort“
In der Psychotherapie spricht man häufig von Exposition als Methode. Sie kann hilfreich sein – wenn sie zum passenden Zeitpunkt und gut vorbereitet angewendet wird. Manchmal kann eine zu schnelle Exposition (eine Konfrontation, bevor genügend Stabilität und Verständnis da sind) dazu führen, dass die Angst zunächst stärker wird und zusätzliche Zweifel entstehen.
Ein sichererer Zugang (mir persönlich näher) ist, die Hintergründe der Angst gut kennenzulernen, sie – wenn möglich – aufzuarbeiten und erst dann die Exposition zu beginnen. Hier sollte man sorgfältig abwägen, wann diese Methode mehr hilft als schadet.
Die Falle besteht oft darin, dass es selbstverständlich ist, die Panikattacken so schnell wie möglich loswerden zu wollen – leider geht das manchmal nicht so einfach, wie man es sich wünscht.
Hinweis
Die Informationen in diesem Artikel basieren auf Schlussfolgerungen aus der therapeutischen Arbeit. Sie können jedoch keine individuelle psychotherapeutische oder ärztliche Einschätzung ersetzen. Bei Bedarf ist eine persönliche Konsultation empfehlenswert – insbesondere bei erstmaligen, sehr starken oder unklaren körperlichen Symptomen.
Autor:
Mag. Wojciech Michałek, Psychotherapeut, Traumatherapeut, Lebens- und Familienberater.
Therapie bei Panikattacken