Panikattacken – Ursachen Erklärung: Wie entstehen Panikattacken? Auslöser und innere Mechanismen. Sind manche Panickattacken tatsächlich grundlos?

Panikattacken – Ursachen. Erklärung: Wie entstehen Panikattacken? Auslöser. Sind diese tatsächlich ohne Grund?
Panikattacken: Summierung und Ausbruch mehrerer Ängste
Panikattacken haben meist mehrere psychische Ursachen, und hinter ihnen stehen bestimmte innere Mechanismen.
Einfachheitshalber könnte man sagen: Die Panikattacke ist ein Ausbruch entweder mehrerer sich seit langer Zeit aufbauender und anhaltender Ängste, die nicht anders verarbeitet werden konnten, oder von Ängsten, die durch bestimmte Trigger aktiviert worden sind. – Dies wird in dem Artikel genauer erläutert.
Am Anfang wird jedoch erklärt, wie im Allgemeinen die menschliche Psyche funktioniert und wie es zu Panikattacken kommen kann. Es werden auch zwei grundlegende Arten ihrer Entstehung beschrieben (Typ A und Typ B). Außerdem wird eine kurze Beispieldarstellung (Typ B) gegeben.
Typ B ist häufig der Fall, bei dem man den Eindruck hat, die Panikattacke sei „aus dem Nichts“ gekommen. (Diesen Typ beschreiben wir weiter unten genauer.)
Einführung –
Jeder Mensch hat einen gewissen Grad an Toleranz gegenüber belastenden oder schweren Erlebnissen – also eine Grenze, bis zu der er trotz innerer Belastung noch relativ normal funktionieren kann.
Dieser Grad kann sich je nach verschiedenen Faktoren und Situationen etwas verändern (zum Beispiel je nachdem, ob man müde, krank oder ausgeschlafen ist). Wenn diese Grenze jedoch überschritten wird, kann es zu verschiedenen psychischen Problemen kommen, unter anderem auch zu Panikattacken.
Panik als Überflutung durch mehrere Belastungen: Wie entstehen Panikattacken?
Man könnte sagen, dass jeder Mensch psychisch einen inneren Raum hat, in dem schwere und belastende Erfahrungen („emotional stark aufgeladene“) „getragen“, verarbeitet und innerlich eingeordnet werden. In diesem Raum gibt es verschiedene psychische Mechanismen, die dazu dienen, diese zu verarbeiten oder zu lindern, sodass sie im Nachhinein leichter zu tragen sind.
Zur Veranschaulichung könnte man diesen inneren Raum mit einem Topf vergleichen, in dem die Erfahrungen und Inhalte landen, die uns beschäftigen und belasten.
Durch die Interaktion mit der Außenwelt gelangen dorthin ständig neue Inhalte. Zum Beispiel können Kritik, Stress, Überforderung und Ängste als solche Inhalte gesehen werden.
Dieser Topf hat jedoch ein bestimmtes Volumen – also eine begrenzte Kapazität, bis zu der belastende Inhalte (oder innere Anspannung) gehalten und verarbeitet werden können. Man könnte sich das Volumen auf einer Skala von 1 bis 100 vorstellen:
• 1 = völlige Entspannung
• 100 = Nervenzusammenbruch / maximale Überforderung.
Zu Panikattacken kommt es dann, wenn ein gewisser Pegel (nicht 100 Punkte) der Anspannung erreicht wird, der immer ganz individuell ist.
Die Anspannung bei Panikattacken entsteht vor allem durch Inhalte, die mit Angst ‚geladen‘ sind. Einfacher erklärt könnte man sagen, dass eine Panikattacke der Ausbruch mehrerer sich summierender Ängste ist, die sich
a) entweder über längere Zeit aufgebaut haben
b) oder plötzlich aktiviert worden sind (durch bestimmte Trigger)
und nicht von psychischen Mechanismen verarbeitet werden konnten.
Die Summierung der Ängste könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich Panikattacken so bedrohlich anfühlen – wenn mehrere „schwächere“ Ängste sich summieren, ergibt dies eine riesige Angst = PANIK.
Andererseits zeigt psychotherapeutische Erfahrung: Das, was psychisch nicht verarbeitet werden kann, aber verarbeitet werden sollte, wird sich einen anderen Weg finden, um sich zu zeigen – als ob die Ängste dadurch, dass sie psychisch nicht verarbeitet werden konnten, nach einem anderen Weg suchten, um sich zu zeigen – nämlich körperlich.
Psychische Coping-Mechanismen versagen oder sind überfordert.
Neben den belastenden Inhalten, die in diesen Topf gelangen, gibt es auch innere Mechanismen(man nennt dies oft oft als Coping Mechanismen), die dazu dienen, Belastungen zu lindern. Manche helfen bei der Verarbeitung, andere reduzieren Anspannung.
Beispiel:
Die belastenden Erfahrungen könnte man mit Paketen vergleichen, die in den Topf geliefert werden. Jedes dieser Pakete beinhaltet eine emotionale Ladung, die unterschiedlich stark sein kann – z. B. kann für eine Person eine Kritik sehr schwer sein, für eine andere weniger. Der Topf und die Mechanismen haben zum Ziel, die Ladung zu verarbeiten, abzuschwächen und auszuhalten. Wenn man Kritik als ein solches Paket betrachtet, fühlt sie sich für die betroffene Person zunächst oft schwer an. Nehmen wir bildlich an: Bei einer Person fügt Kritik am Anfang „8 Punkte“ Belastung in den Topf. Wenn sie dort landet, wird sie jedoch verarbeitet, wodurch sie im Laufe der Zeit normalerweise schwächer wird. Diese Verarbeitung kann auf verschiedene Weise durch bestimmte psychische Funktionen, Fähigkeiten oder Mechanismen erfolgen, z. B. indem man sich an eigene positive Eigenschaften erinnert oder versucht, etwas aus der Kritik zu lernen oder einen Sinn dahinter zu sehen oder indem man die Fähigkeit hat, die Kritik auf einen bestimmten Bereich des eigenen Verhaltens/Funktionierens zu begrenzen und nicht auf die ganze Person zu beziehen. Dadurch wird eben die emotionale Ladung mit der Zeit schwächer. Außer der Kritik landen in diesem Topf andere Pakete, die auch bearbeitet werden müssen. Wenn insgesamt zu viele Pakete auf einmal dort landen und aus bestimmten Gründen nicht verarbeitet werden können, oder die Pakete eine hohe Belastung haben und dadurch die Grenze erreicht wird, kommt es zu Panikattacken.
Das Ziel einer psychotherapeutischen Behandlung ist oft, die Verarbeitungsmechanismen zu verbessern, bei gleichzeitiger Abschwächung der emotionalen Ladung dieser Pakete. So entwickelt sich eine Fähigkeit, die fachlich als Containment bezeichnet wird – also die Fähigkeit, innere Belastung zu halten, zu verarbeiten und allmählich zu regulieren.
Bei Panikattacken handelt es sich häufig um Pakete, die besonders stark emotional mit Angst aufgeladen sind, z. B.:
• existenzielle Ängste,
• Angst, andere zu enttäuschen,
• Angst vor Verurteilung,
• Angst, verlassen zu werden,
• Angst vor Kritik,
• Angst, ausgelacht zu werden.
Die Panikattacke kann unter diesem Blickwinkel als ein Hinweis der Psyche über den Körper verstanden werden – „Es ist zu viel. Es ist sehr bedrohlich. Ich kann nicht mehr.“
Es ist, als käme es durch die Panik zu einem „Ausbruch“ von nicht ausreichend verarbeiteten Paketen. Und hier gibt es eben zwei Arten, wie es zu dieser Überforderung kommen kann.

Panikattacken Typ A – allmähliche Überlastung durch viele aktuelle Belastungen

Bei Panikattacken vom Typ A geht es um Situationen, in denen der innere „Topf“ überfüllt ist – entweder weil über längere Zeit zu viele belastende Inhalte (Pakete) hineingelangen und/oder weil die Verarbeitungsmechanismen, die diese abschwächen sollen, nicht gut funktionieren oder nicht ausreichend entwickelt sind.
Oft ist der betroffenen Person gar nicht bewusst, dass das so ist, weil sie sich daran gewöhnt hat und es als „normal“ erlebt. Genau das macht diesen Typ häufig schwer erkennbar.
Solche Belastungen können z. B. folgende Formen annehmen:
• dauerhaftem innerem Druck,
• chronischem Stress,
• Überforderung im Alltag,
• ständiger Selbstkritik,
• Konflikten,
• Angst vor Bewertung,
• Angst, Erwartungen nicht zu erfüllen,
• Angst vor Ablehnung oder Kritik.
Herausforderung bei Typ A – warum die Lösung oft nicht nur „weniger Belastung“ ist
Wenn man es liest, kann vielleicht der Eindruck entstehen, als ob die Lösung ganz leicht wäre: die Begrenzung der zugelieferten Pakete.
Das Problem besteht jedoch oft darin, dass viele dieser Pakete miteinander verbunden sind.
Zum Beispiel: Bei einer Person landet im inneren „Topf“ immer wieder das Paket „Angst, die eigene Meinung nicht vertreten zu können“. Sie nimmt sich dann vor, ihre Meinung häufiger zu äußern und zu vertreten. Dadurch kann die Ladung dieses Pakets mit der Zeit abnehmen oder es wird seltener aktiviert. Gleichzeitig kann das Vertreten der eigenen Meinung jedoch ein anderes Paket aktivieren, nämlich die „Angst, abgelehnt zu werden“. Dieses Paket war zuvor vielleicht kaum spürbar oder wurde nur schwach aktiviert. So kann es sein, dass eine Belastung geringer wird, während eine andere stärker in den Vordergrund tritt.
Psychotherapeutisch könnte man hier von sogenannten inneren Konflikten sprechen. Obwohl es scheint, dass derartige Situationen schwer zu lösen sind, ist das jedoch möglich. Wenn dies individuell nicht gelingt, kann therapeutische Hilfe dabei eine große Unterstützung sein.
Deshalb ist die Lösung bei Typ A oft nicht nur das „Weniger“ an Belastung, sondern auch ein besseres Verstehen der inneren Zusammenhänge und ein schrittweiser Aufbau von Verarbeitung und Regulation.
Panikattacken Typ B – Aktivierung eines früheren, nicht verarbeiteten „großen Pakets“ (scheinbar „aus dem Nichts“)

Der Mechanismus bei Typ B ist grundsätzlich ähnlich, aber die Panik entsteht nicht primär deshalb, weil aktuell allgemein „zu viel“ in den Topf gelangt. Sie entsteht vielmehr dadurch, dass sich ein verborgenes, großes Paket, das schon lange im Topf steckt, aktiviert und seine emotionale Aufladung „aufbricht“, ohne jedoch verarbeitet zu werden (die emotionale Ladung verschwindet erst dann, wenn sie aufgearbeitet ist).
Hinweis: Bei Typ B kann vielleicht die Angst entstehen, als ob zur Bewältigung der Probleme mit Panik eine Konfrontation mit früheren Erfahrungen notwendig wäre, die man am liebsten vergessen würde. Dies ist aber nicht so – es wird unten etwas genauer erklärt.
Man kann sich das so vorstellen, dass sich am Boden des Topfes ein größeres Paket mit einer sehr starken Ladung befindet. Dieses Paket war jedoch lange Zeit nicht aktiv, weil es durch bestimmte Barrieren bzw. Schutzmechanismen gehalten wurde und früher nicht verarbeitet werden konnte.
Diese Schutzbarrieren haben dafür gesorgt, dass die ursprüngliche Ladung dieses Pakets nicht zu spüren war (obwohl sie dort war).
Ein mögliches Bild wäre: Im Topf ist ein Paket mit sehr belastenden Kindheitserlebnissen verborgen. Die Gesamtladung dieses Pakets betrug zum Zeitpunkt seiner Entstehung z. B. 70 Punkte Anspannung – und konnte damals nicht verarbeitet werden.
Die Ladung war so bedrohlich, dass die Psyche einen anderen Weg finden musste, um nicht in einen dauerhaften Zustand von Überforderung zu geraten. Daher entstand ein Schutzmechanismus.
Ein Beispiel zu Typ B – wie frühere Erfahrungen später Panik auslösen können
Ein Kind wird in der Schule gemobbt und erhält dabei keine Hilfe. Es entwickelt als Schutzmechanismus z. B. Verleugnung/Verdrängung, wodurch es diese Erfahrung nicht mehr als so belastend erlebt – damit es psychisch nicht ständig in einem Zustand der Bedrohung leben muss.
Später im Erwachsenenalter zeigt ein Verhalten von Kolleginnen oder Kollegen bei der Arbeit eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Verhalten der Kinder, die das Kind damals gemobbt haben. Dieser Zusammenhang ist für die betroffene Person aber nicht sichtbar und bleibt unbewusst (häufig wird er erst im Laufe einer Therapie erkennbar).
Diese Ähnlichkeit kann dann der „Schlüssel“ sein, der die Schutzbarriere (z. B. die Verleugnung/Verdrängung) öffnet und nur die emotionale Ladung hochkommen lässt, ohne jedoch aufgearbeitet zu werden. Dadurch kommt es plötzlich dazu, dass die Person immer wieder Panikattacken am Arbeitsplatz erlebt, ohne zunächst zu wissen, dass, dass dies die Aktivierung der früheren schweren Erfahrungen war.
Therapie bedeutet nicht Überflutung mit alten Erfahrungen

Wenn man die Geschichte hört, kann vielleicht eben die Angst entstehen, dass man, um das Problem mit Panikattacken zu lösen, sich mit derartigen belastenden Erfahrungen konfrontieren muss, die ganz belastend sind und die man am liebsten vergessen würde. Oder man hat Angst, dass während der Therapie etwas geöffnet wird, was schrecklich ist.
Wichtig ist hier: So sollte eine Therapie nicht ablaufen. Aus psychotherapeutischer Sicht geht es vielmehr um ein sicheres, dosiertes Vorgehen.
Das Ziel ist nicht, Schutzmechanismen gewaltsam zu durchbrechen und jemanden mit der vollen alten Ladung zu überfluten.
Im Gegenteil: Der Effekt einer guten Therapie sollte am Ende sein, dass dieses große Paket aus der Vergangenheit nicht mehr so stark geladen ist.
Der Weg dorthin besteht normalerweise nicht darin, die Schutzbarrieren brutal zu brechen, sondern eher darin,
• schrittweise Wege zu finden, wie ein Teil dieser Ladung dosiert zugelassen und abgeschwächt werden kann,
• und gleichzeitig die Fähigkeit der Psyche zu stärken, Belastung besser zu halten und zu verarbeiten.
In der Bildsprache des Topfes – was Therapie bei Panikattacken bewirken soll
Ein Teil der Ladung wird Schritt für Schritt reduziert (statt alles auf einmal freizusetzen, wie dies bei Panikattacken geschieht).
Die Mechanismen der Aufarbeitung der emotionalen Ladungen werden verbessert.
Das Volumen des inneren Topfes vergrößert sich im Laufe der Therapie.
Wenn der innere Topf am Anfang z. B. ein Volumen von 100 hatte, kann er durch Therapie sinnbildlich auf 140 wachsen. Dieselbe Belastung wird dann als weniger bedrohlich erlebt.
Ende – Zusammenfassung und Ausblick auf Bewältigung / Selbsthilfe
Es ist auch wichtig zu sagen, dass sich diese zwei Arten oft miteinander mischen und gegenseitig beeinflussen können. Der Vergleich dient zur besseren Darstellung der Problematik. Oft ist das Erkennen von dem, was dort landet, und das Verstehen, warum dies dort landet und welche Zusammenhänge dabei vorhanden sind, schon ein wichtiger Schritt in Richtung Bewältigung der Panikattacken. Denjenigen, die nach einer Übung zur Selbsthilfe suchen, kann ich die Übung unter dem Link https://psychotherapie-michalek.de/panikattacken-selbshilfe-ubung/
empfehlen.
Herzliche Grüße
Mag. Wojciech Michalek, Autor des Textes, Psychotherapeut, Familien- und Lebensberater.
Hinweis: Die Einteilung in „Typ A“ und „Typ B“ ist keine offizielle Diagnoseklassifikation, sondern dient in diesem Beitrag lediglich der anschaulicheren Erklärung des Problems.
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