Panikattacken – Erste Hilfe
Was hilft: Anwendung von Techniken und Methoden oder/und Reflexion und Veränderung der eigenen Haltung zu Panikattacken.

Wann und wie die eigene Haltung zu Panikattacken weitere Panikattacken begünstigen kann?
Worum geht es in diesem Artikel?
In diesem Artikel geht es darum zu zeigen, wie die eigene Einstellung (wenn man spürt: „Ich muss um jeden Preis weitere Panikattacken verhindern.“) zu mehr Druck führen kann und dies in Folge weitere Panikattacken begünstigen kann. Es wird auch gezeigt, wie die Veränderung dieser Haltung zukünftige Panikattacken manchmal reduzieren oder entschärfen kann.
Der Artikel kann Betroffenen helfen, auf die folgenden Fragen Antworten zu finden:
- Kann meine Einstellung zu Panikattacken paradoxerweise weitere Panikattacken begünstigen?
- Was kann man bei Panikattacken
a) allein machen
b) wann kann eine professionelle Hilfe notwendig sein?
Einführung: Wie entsteht der Druck, Panik nicht mehr zuzulassen?
Die Tatsache, dass sich Panikattacken so schrecklich anfühlen, erklärt sehr gut, warum man sie nie wieder erleben will. Man fühlt sich stark bedroht, man weiß nicht, was mit dem eigenen Körper los ist: Man zittert, schwitzt, wird rot, das Herz schlägt kräftig, der Atem wird flach – und oft kommt die Angst dazu, dass es eine körperliche Krankheit sein könnte. Oder die Angst, dass „etwas Schreckliches passiert“.
Nach so einer Erfahrung kann leicht der Druck entstehen:
Ich muss es kontrollieren und es verhindern und auf keinen Fall „zulassen“, dass sie zurückkommt.
Durch den Druck kann aber leicht übersehen oder nicht eingesehen werden, dass Panikattacken nicht immer mit der Anwendung von Selbsthilfetechniken und Methoden zu beherrschen sind. Das hängt damit zusammen, dass hinter Panikattacken oft andere Ursachen und psychische Mechanismen stehen, die häufig unbewusst sind oder wie automatisch funktionieren – so lange, bis sie aufgearbeitet worden sind. In solchen Fällen braucht man professionelle Unterstützung.
Selbsthilfe-Methoden und Techniken: individuelle Wirkung
Das bedeutet aber auch nicht, dass derartige Erste-Hilfe-Methoden und Techniken nicht nützlich sind, sondern dass sie manchmal helfen können – manchmal helfen sie aber nicht (oder nicht so, wie man es sich wünscht). Das ist sehr individuell.
Psychotherapeutische Perspektive: Panikattacke als Symptom
Aus psychotherapeutischer Sicht ist eine Panikattacke oft nicht das eigentliche „Hauptproblem“, sondern eher ein Symptom. Dahinter können unterschiedliche Ursachen stehen: viele Ängste, innerer Stress, ungelöste Konflikte, Überforderung, alte Erfahrungen, innere Alarmmuster.
Solche Mechanismen wirken häufig wie automatisch: Sie „springen an“, bevor man überhaupt bewusst reagieren kann. Genau deshalb ist es manchmal nicht möglich, das allein bewältigen zu können – man braucht jemanden anderen, der hilft, bestimmte Dinge einzusehen und zu verändern.
Wenn man die Panikattacke als Symptom betrachtet, könnte man auch sagen: Sie ist wie ein Ruf der Seele über den Körper nach Hilfe, Entlastung, Verständnis und Aufarbeitung dessen, was belastet.
Warum der Druck, Panik kontrollieren zu müssen, weitere Panik begünstigen kann

In Fällen, in denen man glaubt, Panikattacken durch Techniken und Methoden kontrollieren zu müssen, entsteht zusätzlicher psychischer Druck. Dieser kann ein Faktor sein, der weitere Panikattacken begünstigt – weil man oft dauerhaft unter Stress und Anspannung steht: „Etwas kontrollieren zu müssen“, was sich realistisch gesehen nicht immer kontrollieren lässt. Und wenn man es nicht kontrollieren kann, erlebt man wiederum das Schreckliche. Dadurch entsteht noch mehr Anspannung – und die Panikspirale bekommt „Futter“.
Als ob man in einer Falle zwischen zwei schlechten Entscheidungen wäre:
a) Entweder, etwas zu versuchen zu kontrollieren und stets in einer inneren Bereitschaft zu sein, dass es wiederkommt – das kostet sehr viel psychische und physische Energie.
b) Oder akzeptieren zu müssen, dass man es mit Techniken und Methoden nicht zuverlässig beeinflussen kann, aber dadurch das Schreckliche und Bedrohende – die Panikattacke – wieder erleben könnte.
Paradoxe Hilfe: Sich (im Notfall) die Erlaubnis geben, dass Panik da sein darf
Im Fall b) bedeutet das nicht, dass man „einverstanden“ sein soll, ständig Panikattacken zu haben. Es bedeutet eher: Wenn ich schon sehr viel versucht habe und es nicht zuverlässig hilft – und wenn ich verstehe, dass hinter der Panikattacke oft tiefere Ursachen und Mechanismen stehen –, dann kann ich mir sagen:
„Ich akzeptiere, dass es wiederkommen kann, auch wenn es schrecklich ist.“
Akzeptieren heißt hier nicht aufgeben. Es heißt nicht: „Dann ist es halt so.“
Es heißt eher: „Manchmal lässt sich nicht alles bewältigen, manchmal kann ich etwas nicht kontrollieren. Das bedeutet aber nicht, dass es dafür keine Lösungen gibt, sondern dass man andere Hilfsmöglichkeiten braucht.“
So eine Einstellung kann die innere Anspannung oft senken und die manchmal nicht realistische Vorstellung, „alles kontrollieren zu können“, entzaubern. Dadurch kann der Druck – „alles hängt von mir ab und von meiner Bemühung“ – sinken, wodurch die Panik weniger „Zündstoff“ hat.
Unterscheidung: Habe ich Angst „nur“ vor Panik – oder vor den möglichen Folgen?
Manchmal hängt der Druck, die Panik unbedingt allein bewältigen zu müssen, nicht nur mit den Körperempfindungen zusammen, sondern mit der Angst vor möglichen „Folgen“ so einer Situation.
Hier lohnt sich die Frage:
Wovor habe ich eigentlich am meisten Angst? Vor der Panik an sich – vor dem Hilfeholen/Verständigen anderer – oder vor Verurteilung seitens der anderen?
Viele Betroffene, die Panikattacken haben, haben nicht nur Angst vor der Panik an sich, sondern davor, sich Hilfe zu holen oder von anderen abgestempelt zu werden. In so einem Fall kann der innere Druck besonders groß werden.
Übungen: Sich die Erlaubnis geben
- Erlaubnis, Hilfe zu holen (Rettungsdienst / medizinische Abklärung)
Übung (Vorstellung):
Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Panikattacke. Sie haben vieles ausprobiert, aber das Gefühl geht nicht weg. Sie sind unsicher, und es fällt schwer, zu unterscheiden, ob es „nur psychisch“ ist oder doch körperlich sein könnte. Dann geben Sie sich die Erlaubnis, den Rettungsdienst zu rufen.
Hilfe kommt. Sie werden untersucht. Und Sie müssen das Gefühl von Bedrohung und Unsicherheit nicht mehr allein aushalten – weil medizinisch abgeklärt wurde: Es gibt keine körperliche Erkrankung, es war kein Herzinfarkt.
Frage: Wie verändert sich das Gefühl von Bedrohung, wenn es medizinisch abgeklärt ist? Wird der innere Alarm etwas leiser?
Manchmal begleiten diesen Schritt weitere Befürchtungen – oder konkrete Erfahrungen: Angst, abgestempelt zu werden, nicht ernst genommen zu werden oder verurteilt zu werden. Hier ist es wichtig, sich innerlich klarzumachen:
Ja, es gibt Menschen, die es nicht verstehen und falsch urteilen. Aber es ist gut, sich die Erlaubnis zu geben:
„Ich weiß selbst, was ich erlebt habe. Es war für mich real, nicht eingebildet. Ich mache das nicht absichtlich. Oft kommt es automatisch. Und ich muss das nicht alleine „beweisen“, aushalten oder wegdrücken.
Ich gebe mir das Recht auf Sicherheit – indem ich mir Hilfe hole, wenn ich sie brauche. Das bedeutet nicht, dass ich „für immer“ darauf angewiesen bin. Es kann eine Brücke sein: solange, bis ich langfristig aufgearbeitet habe, was hinter der Panik steht.“
- Medikamente (als ärztlich abgeklärtes „Backup“)
Für manche Menschen kann es entlastend sein, nicht unbedingt sofort ein Medikament einzunehmen, sondern ein ärztlich abgeklärtes „Backup“ bei sich zu haben – besonders dann, wenn die Panik in bestimmten Situationen ausgelöst wird (z. B. Treffen mit neuen, unbekannten Menschen oder andere konkrete Auslöser).
Vorstellung:
Stellen Sie sich vor, Sie haben ein Medikament, das ärztlich verordnet und abgeklärt ist, das Sie kennen und von dem Sie wissen, dass es bei Ihrer Angst helfen könnte. Es geht nicht darum, es sofort zu nehmen. Es geht darum, zu wissen:
„Falls es wirklich nötig wird, habe ich eine Möglichkeit.“
Allein dieses Gefühl von Handlungsspielraum kann die Bedrohung senken – und damit manchmal auch die Panikspirale abschwächen.
Hinweis: Es ist wichtig, dass die Medikamente vom Arzt verschrieben sind und ärztlich eingeschätzt wird, ob diese indiziert sind und wenn ja, welche.
Beispiel aus der Psychotherapie:
Ein Mann hatte zu Beginn der Psychotherapie starke Ängste in sozialen Situationen – besonders dann, wenn er absagen musste, neue Leute kennenlernte oder an Orten mit vielen Menschen war. Er war arbeitslos und hatte bald ein Vorstellungsgespräch, vor dem er riesige Angst hatte.
Da die Therapie gerade erst begann, wurde ihm empfohlen, ärztlich abklären zu lassen, ob ihn ein Medikament in dieser akuten Phase unterstützen könnte. Er bekam für besonders belastende Situationen ein Medikament, das seine Angst lindern konnte. Er probierte es zunächst bei einem Treffen mit Bekannten aus und merkte: Es hilft ihm, ohne dass er „weg“ ist – er bleibt handlungsfähig.
So konnte er auch das Vorstellungsgespräch mit dieser Unterstützung aushalten. Im Laufe der Therapie musste er die Medikamente immer seltener einnehmen. Durch die therapeutische Arbeit erlebte er die Situationen zunehmend anders, sodass Medikamente nicht mehr notwendig waren.
Wichtig war aber: Er trug das „Backup“ noch eine Zeit lang bei sich, weil es ihm Sicherheit gab – im Notfall habe ich eine Hilfe. Dadurch hatte er nicht zusätzlich den Druck, alles um jeden Preis allein bewältigen zu müssen. Und oft war genau diese Entlastung ein Teil davon, dass die Angst langfristig abnahm.

Fazit und Abschluss
Die Reflexion über die eigene Haltung zur Panik – und eine mögliche Veränderung dieser Haltung im Notfall – kann ein wichtiger erster Schritt sein. Manchmal ist es nicht die Panik selbst, die am meisten erschöpft, sondern der innere Kampf: „Ich darf das nicht haben, ich muss es verhindern, ich muss es kontrollieren.“ Eine sanftere, realistischere Einstellung kann Druck reduzieren und damit auch die Panikspirale abschwächen.
Gleichzeitig gilt: Es gibt verschiedene Wege der Hilfe. Manchen Menschen helfen konkrete Erste-Hilfe-Techniken sehr gut. Anderen hilft eher ein innerer Perspektivwechsel – und bei vielen ist es eine Kombination aus mehreren Ansätzen. Und manchmal ist der hilfreichste Schritt tatsächlich, sich professionelle Unterstützung zu holen, besonders dann, wenn hinter der Panik tieferliegende Ängste, Stress oder alte Muster wirken.
Vor allem aber: Mit Panikattacken kann man oft viel machen. Es braucht manchmal Zeit, Geduld und das Finden der passenden Mittel – und nicht jeder Weg passt zu jeder Person. Doch Veränderung ist möglich – auch wenn es sich in der akuten Panik nicht so anfühlt.
Autor: Mag. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Familien-und Lebensberater
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