Aggression abbauen, Wut bewältigen –
man nimmt sich das immer wieder vor, tut am Ende aber doch dasselbe. Warum?
Inhalte:
- Kann man Aggression leicht und schnell bewältigen?
- Oder kann eine schnelle Bewältigung nur eine Täuschung sein? Unterscheidung zwischen Auslösern und Ursachen
- Unterschiedliche Hilfsformen
Kann man Wut und Aggression wirklich leicht bewältigen?
Viele Menschen, die in der Psychotherapie an ihrer Aggression arbeiten, möchten diese rasch loswerden und sofort ein wirksames Mittel erhalten. Diese Haltung ist einerseits gut nachvollziehbar, da Aggression meist viele negative Folgen hat – sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen. Gleichzeitig erwecken die Wörter schnell oder Methode den Eindruck, als sei alles leichter zu lösen und als gäbe es eine einfache Ursache dafür. Die praktische Arbeit mit Menschen zeigt jedoch, dass Aggression vielfältige Ursachen hat und niemals auf einen einzigen Faktor zurückzuführen ist.
Es kommt nicht selten vor, dass man als Haupt‑„Ursachen“ das Verhalten anderer sieht, z. B.:
„Er/sie hat mich provoziert“, „Die anderen haben mich verarscht“, „Er/sie hat mich in die Enge getrieben“. Bei genauer Analyse zeigt sich oft, dass das, was als Ursache angesehen wird, tatsächlich ein Auslöser ist oder nur eine Ursache unter vielen.
Beispiel
Ein Mann regte sich immer sehr über seine Frau auf, wenn sie ihn nach der Arbeit bat, bei bestimmten Aufgaben im Haushalt zu helfen. Der Mann war dann häufig verärgert, bekam Wutausbrüche und schrie sie an. Zu Beginn der Therapie meinte er, seine Frau sei dafür verantwortlich. Während der Therapie erkannte er jedoch, dass es weitere Ursachen für sein Verhalten gab: Er hatte große Angst, seine Arbeit zu verlieren, arbeitete sehr viel, machte zahlreiche Überstunden und fürchtete sich davor, seinem Chef abzusagen. Im Laufe der Therapie sah er ein, dass er eine recht sichere Arbeitsstelle hatte (die Ängste, Arbeit verlieren zu können, stammten aus früheren Erfahrungen). Er lernte, mit seinem Chef über Grenzen zu sprechen und diese zu schützen, sodass er sich nicht mehr überarbeitete und überforderte. Dadurch war er nicht mehr wütend auf seine Frau und erkannte auch ihre Überforderung im Haushalt, woraufhin beide bessere Lösungen fanden.
Jede Situation ist anders und individuell. Aus der Praxis lässt sich jedoch sagen, dass oft nicht alle Ursachen der Aggression erkannt werden und dass häufig das, was als Ursache gilt, tatsächlich nur ein Auslöser ist.
Reflexionsfragen
- Was sehe ich als Hauptursache meiner Aggression?
- Kann ich mehrere Ursachen benennen – zum Beispiel mindestens fünf?
- Wenn man diese Ursachen prozentual gewichten würde, wie würden sie sich aufteilen?
- Welche Ursache trägt am stärksten zur Aggression bei?

Aggression und Wut abbauen
Das Verständnis dessen, was Aggression und Wut aufbaut, kann Wege zu deren Abbau eröffnen. Erkennt man die Ursachen richtig und verwechselt sie nicht mit Auslösern, zeigen sich mögliche Lösungswege.
Veranschaulichendes Beispiel
Eine Frau hatte in ihrer Kindheit einen stark kontrollierenden und autoritären Vater, der ihr wiederholt den Kontakt zu Gleichaltrigen untersagte. Dieses Verhalten führte bei ihr zu intensiven Gefühlen von Einsamkeit und Ablehnung. Im Erwachsenenalter fasste sie den bewussten Entschluss, ein reiches soziales Leben zu führen, um diese belastenden Gefühle nicht erneut erleben zu müssen. Dies setzte sie als Erwachsene konsequent um und maß diesem Lebensbereich große Bedeutung bei.
Nach der Geburt ihres ersten Kindes schlug ihr Ehemann – da Zeitressourcen nun knapper waren – vor, die Häufigkeit von Treffen mit Freundinnen zu reduzieren oder auf andere Tage zu verlegen, um die familiäre Zeitplanung besser koordinieren zu können. Daraufhin reagierte die Frau mit erheblicher Wut und warf ihm vor, sie kontrollieren zu wollen. In dieser Situation wurden Erinnerungen an schwer erträgliche Kindheitserlebnisse aktiviert, in denen ihr Vater sie kontrolliert hatte. Sie erlebte ihren Mann so, als wolle er sie ebenso kontrollieren, was bei ihr zu Aggression führte.
Im Rahmen einer psychotherapeutischen Behandlung erkannte sie später, dass ihr Mann keinerlei kontrollierende Absichten verfolgt hatte; seine Vorschläge hatten lediglich alte, unverarbeitete Emotionen reaktiviert. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie leicht vergangene, nicht aufgearbeitete Kindheitserfahrungen (die Ursache) mit dem gegenwärtigen Verhalten des Partners (dem Auslöser) verwechselt werden können. Der Zugang zu den eigentlichen Ursachen wird dabei häufig durch psychische Abwehrmechanismen blockiert.
Das bedeutet jedoch nicht, dass immer die Situationen, die als Ursache angesehen werden, lediglich Auslöser sind. Es ist durchaus möglich, dass sie tatsächlich eine bedeutsame Ursache darstellen. Daher ist die richtige Unterscheidung entscheidend.
Diese Unterscheidung zwischen Auslösern und Ursachen liefert wertvolle Hinweise darauf, woran man vorrangig arbeiten sollte:
- Vergangene psychische Belastungen als Ursachen → Aufarbeitung dieser Belastungen.
- Aktuelle äußere Situationen als Ursachen → Äußere Veränderungen oder Anpassung der eigenen Einstellung.

Was hilft am besten bei der Bewältigung von Aggression: Psychotherapie, Anti‑Aggressions‑Kurs oder kann man es allein bewältigen? – Hinweise
Psychotherapie
Wenn Aggressionen tief verwurzelt sind, kommen sie immer wieder vor – trotz vieler Versuche, sie in den Griff zu bekommen und obwohl andere Hilfsmethoden bis dato gescheitert sind. Diese Methode erfordert oft mehr Zeit und Aufwand, kann gleichzeitig jedoch dauerhafte Lösungen bringen.
Anti‑Aggressionskurs
Ein Anti‑Aggressionstraining oder ‑kurs ist ein klar strukturiertes Training, das sich vor allem auf die Veränderung des Verhaltens konzentriert und nicht auf die tiefgehende Aufarbeitung der Ursachen.
Unterschied zwischen Anti‑Aggressionskurs und Psychotherapie
Wenn hinter Aggression tiefere Probleme stehen, gleicht die reine Bewältigung der Aggression mittels leichter Methoden der Arbeit in einem Garten voller immer wieder wachsendem Unkraut: Die Methoden sind wie Werkzeuge, mit denen das Unkraut entfernt, aber nicht dauerhaft beseitigt wird – sodass man es immer wieder tun muss. Erst die Bearbeitung des Bodens, auf dem es gedeihen kann, bringt nachhaltigere Effekte. Zwar erfordert eine solche Arbeit anfangs mehr Zeit, doch sie führt auf Dauer zu besseren Ergebnissen. Die Psychotherapie ähnelt dabei der Bearbeitung des Bodens.
Selbsthilfe
Bei leichter bis mittlerer Gereiztheit kann versucht werden, etwa mit Achtsamkeitsübungen, Sport, Tagebuchschreiben oder Ratgebern und Apps, die Schritt‑für‑Schritt‑Anleitungen bieten. Diese Methoden sind kostengünstig, flexibel und lassen sich sofort im Alltag integrieren, erfordern jedoch eine hohe Eigenmotivation. Sie eignen sich als Einstieg, Ergänzung oder Nachsorge, ersetzen jedoch keine professionelle Hilfe, wenn Aggressionen stark eskalieren oder längerfristig belasten.
Autor: M. A. Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Antiaggressionstrainer
Hinweis: Der Text enthält einige Auszüge aus dem Selbsthilfekurs des Autors: „Aggression im Griff“ – mehr darüber auf der Seite: https://aggressionfrei.de/
Falldarstellung: Therapie bei Aggression.
Wie ein Mann seine Aggressionen durch Therapie überwand https://psychotherapie-michalek.de/falldarstellung-therapie-bei-aggression/
