Psychotherapie & Beratung

Was ist Supervision? Nutzen, Grenzen und Kosten

 

Kurzer Überblick

  • Was ist Supervision?
  • In welchen Bereichen wird Supervision eingesetzt?
  • Woran lässt sich erkennen, ob Supervision hilfreich ist?
  • Kann Supervision eine Investition in die eigene Arbeit und Entwicklung sein?
  • Wann kann Supervision weniger hilfreich sein?
  • Welche Herausforderungen und Kosten können mit Supervision verbunden sein?

Was ist Supervision?

Supervision ist eine Form professioneller Konsultation und Reflexion. Sie kann dabei helfen, die eigene berufliche Arbeit aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Dabei geht es nicht nur darum, Lösungen für schwierige Situationen zu bekommen. Häufig besteht ein wichtiger Teil der Supervision darin, etwas neu zu erkennen, Zusammenhänge anders zu verstehen und dadurch zusätzliche Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Um sich Supervision etwas bildhafter vorzustellen, kann man sie mit der Nutzung eines Smartphones vergleichen.

(Wenn Sie sich lieber anhand eines konkreten und weniger metaphorischen Beispiels ein Bild davon machen möchten, wie Supervision praktisch aussehen kann, finden Sie hier ein ausführliches Fallbeispiel: „Ablauf einer Supervision – ein Fallbeispiel aus der Praxis“ hier klicken)

Auf einem Smartphone befinden sich verschiedene Apps und Programme. Manche waren von Anfang an installiert, andere wurden später hinzugefügt. Einige benutzt man täglich, andere kennt man kaum. Manchmal entdeckt man erst nach längerer Zeit eine Funktion, die schon vorhanden war, bisher aber kaum genutzt wurde. Manchmal stellt sich heraus, dass eine bestimmte Funktion sehr hilfreich ist – ein anderes Mal merkt man, dass sie für die eigene Situation wenig geeignet ist.

In gewisser Weise trägt auch jeder Mensch verschiedene solche „Programme“ in sich.

Eigene Lebenserfahrungen, Ausbildung, Fortbildungen, Begegnungen mit anderen Menschen und berufliche Erfahrungen hinterlassen etwas, das innerlich gespeichert wird. Daraus entstehen beispielsweise fachliches Wissen, persönliche Überzeugungen, bestimmte Sichtweisen, Kompetenzen und Vorstellungen darüber, wie man mit bestimmten Situationen umgehen sollte.

Man könnte diese unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Sichtweisen metaphorisch als verschiedene „Apps“ betrachten.

In der Supervision wird genauer angeschaut, wie das, was eine Person bereits in sich trägt – sowohl fachlich als auch persönlich –, in der konkreten beruflichen Arbeit eingesetzt wird.

Dabei können beispielsweise Fragen entstehen:

  • Was ist in dieser Situation hilfreich?
  • Welche Sichtweise erweitert das Verständnis?
  • Wo könnte eine bestimmte Überzeugung den Blick vielleicht einschränken?
  • Welche anderen Möglichkeiten wären in der Arbeit mit diesem konkreten Klienten oder Patienten denkbar?

Das Ziel der Supervision besteht darin, das zu nutzen und weiterzuentwickeln, was den Klientinnen, Klienten oder Patientinnen und Patienten helfen kann und gleichzeitig für die supervisierte Person fachlich sinnvoll und persönlich möglich ist.

Supervision bietet damit die Möglichkeit, die eigene Arbeit gewissermaßen von außen zu betrachten und das eigene berufliche Repertoire bewusster einzusetzen und zu erweitern.

In welchen Bereichen wird Supervision eingesetzt?

Supervision wird besonders häufig in Berufen genutzt, in denen die Arbeit mit Menschen im Mittelpunkt steht – zum Beispiel in Psychotherapie, Psychologie, Beratung, Coaching, Pädagogik und sozialen Berufen.

Gerade dort entstehen immer wieder Situationen, die fachlich oder emotional anspruchsvoll sein können.

Dazu gehören beispielsweise:

  • schwere psychische Belastungen von Klientinnen, Klienten oder Patienten,
  • Suizidalität und andere Grenzsituationen,
  • Konflikte in der therapeutischen oder beratenden Beziehung,
  • Schwierigkeiten mit Nähe, Distanz und Grenzsetzung,
  • wiederholtes Nichterscheinen zu vereinbarten Terminen,
  • oder Situationen, in denen man selbst das Gefühl hat: „Ich weiß gerade nicht, wie ich mit diesem Fall weiterarbeiten soll.“

Supervision kann einen Raum bieten, solche Situationen mit etwas Abstand zu betrachten.

Woran kann man erkennen, dass Supervision hilfreich ist?

Man könnte sagen, dass Supervision besonders dann hilfreich ist, wenn sich mit der Zeit Veränderungen auf drei Ebenen zeigen.

  1. Schwierige Situationen werden besser handhabbar

Situationen, die vorher sehr belastend, verwirrend oder überfordernd waren, können verständlicher werden.

Man erkennt mehr Möglichkeiten, damit umzugehen, und fühlt sich schwierigen Situationen weniger ausgeliefert.

  1. Das eigene Verständnis wird breiter

Man versteht nicht nur Klientinnen, Klienten oder Patientinnen und Patienten differenzierter, sondern erkennt auch stärker die eigene Rolle in der Beziehung.

Dazu können eigene Reaktionen, Erwartungen, Unsicherheiten oder vorschnelle Annahmen gehören.

Ein Fall, der vorher nur aus einer Perspektive gesehen wurde, kann dadurch plötzlich aus mehreren Blickwinkeln betrachtet werden.

  1. Die Supervision verändert etwas in der praktischen Arbeit

Entscheidend ist letztlich, ob das Besprochene auch praktisch genutzt werden kann.

Vielleicht reagiert man in einer schwierigen Situation anders, stellt andere Fragen, erkennt Zusammenhänge früher oder kann eine Intervention bewusster auswählen.

Supervision sollte deshalb nicht nur interessant sein, sondern mit der Zeit auch Auswirkungen auf die konkrete berufliche Arbeit haben.

Ein Beispiel

Ein Therapeut kurz nach seiner Ausbildung verfügt bereits über Wissen und Methoden. Bei einem bestimmten Patienten erkennt er vielleicht einige zentrale Probleme und entsprechend einige Möglichkeiten, damit zu arbeiten.

Nehmen wir als vereinfachtes Beispiel an, er sieht zu diesem Zeitpunkt Möglichkeiten für ungefähr 20 Sitzungen.

Mit der Zeit können sich jedoch durch Supervision, weitere Fortbildungen und zusätzliche berufliche Erfahrungen seine Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten erweitern.

Würde er demselben Patienten mit diesem erweiterten Blick begegnen, könnte er möglicherweise zusätzliche Zusammenhänge, Beziehungsmuster, Schwierigkeiten oder bisher wenig beachtete Bereiche erkennen.

Vielleicht würde daraus beispielsweise eine Arbeit über 50 Sitzungen entstehen.

Entscheidend wäre dabei jedoch nicht, dass der Therapeut dem Patienten eine längere Behandlung „verkauft“. Vielmehr würde er zusätzliche Bereiche wahrnehmen, die auch aus Sicht des Patienten relevant sind.

Das Erkennen solcher Zusammenhänge durch den Therapeuten kann dem Patienten wiederum helfen, selbst etwas zu sehen, was ihm zuvor weniger bewusst war. Wenn auch der Patient diese Themen als wichtig erlebt und daran arbeiten möchte, können dadurch weitere sinnvolle Bereiche der gemeinsamen Arbeit entstehen.

Nicht der Patient ist dabei ein anderer geworden, sondern die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten des Therapeuten haben sich erweitert.

Supervision als Investition – mögliche Vorteile

Supervision kann auch als eine Form der Investition verstanden werden – zunächst in die eigene fachliche und häufig auch persönliche Entwicklung und damit gleichzeitig in die Qualität der Unterstützung für Klientinnen, Klienten oder Patientinnen und Patienten.

Das vorherige Beispiel zeigt eine mögliche praktische Seite davon: Durch Supervision, Weiterbildung und zunehmende Erfahrung kann eine helfende Person mehr Zusammenhänge erkennen und dadurch möglicherweise differenzierter oder tiefer arbeiten.

Für selbstständig Tätige kann eine solche fachliche Entwicklung auch wirtschaftliche Auswirkungen haben.

Wer über mehr Handlungsmöglichkeiten verfügt und Menschen in unterschiedlichen Situationen angemessen unterstützen kann, kann dadurch langfristig auch mehr Stabilität in der eigenen beruflichen Tätigkeit entwickeln.

Der finanzielle Aspekt sollte dabei selbstverständlich nicht das Hauptmotiv für Supervision sein. Dennoch gehört wirtschaftliche Stabilität zur Realität einer selbstständigen therapeutischen oder beratenden Tätigkeit.

Supervision kann deshalb auf mehreren Ebenen eine Investition sein: in die Klientinnen und Klienten, in die eigene fachliche und persönliche Entwicklung und auch in die langfristige Stabilität der eigenen beruflichen Arbeit.

 

Hilft Supervision immer?

Nein.

Ähnlich wie in der Psychotherapie hängt vieles von individuellen Faktoren ab.

Eine Supervisorin oder ein Supervisor kann für eine Person ausgesprochen hilfreich sein, während eine andere Person mit derselben Arbeitsweise wenig anfangen kann.

Fachlicher Hintergrund, Arbeitsweise, persönliche Passung und das konkrete Anliegen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Zur Orientierung können drei Fragen hilfreich sein:

Verstehe ich durch die Supervision schwierige Fälle und Situationen besser?

Verstehe ich sowohl meine Klientinnen und Klienten als auch meine eigene Wirkung in der Beziehung differenzierter?

Kann ich das, was in der Supervision entsteht, praktisch in meiner Arbeit nutzen?

Wenn diese Fragen über längere Zeit überwiegend mit Ja beantwortet werden können, spricht einiges dafür, dass die Supervision hilfreich ist.

Wenn dagegen kaum neue Einsichten oder Handlungsmöglichkeiten entstehen und sich auch praktisch wenig verändert, kann es sinnvoll sein, dies zunächst anzusprechen. Manchmal braucht eine Zusammenarbeit Zeit oder eine Veränderung der Arbeitsweise. In anderen Fällen kann eine andere Form der Supervision oder eine andere Person besser passen.

Welche Herausforderungen können mit Supervision verbunden sein?

Auch wenn Supervision hilfreich sein kann, ist sie nicht automatisch einfach oder in jeder Situation problemlos zugänglich. Dabei können insbesondere vier Aspekte eine Rolle spielen.

  1. Kosten

Supervision ist häufig mit zusätzlichen Kosten verbunden. Besonders Einzelsupervision bei erfahrenen Supervisorinnen oder Supervisoren kann vergleichsweise teuer sein.

Die Preise hängen unter anderem von Qualifikation und Erfahrung, Einzel- oder Gruppensupervision, Dauer, Region und Art des Auftrags ab.

Als grobe Orientierung liegen viele Honorare ungefähr zwischen 90 und über 160 Euro netto pro 60 Minuten. Die tatsächlichen Preise können jedoch deutlich variieren.

  1. Skepsis – besonders bei verpflichtender Supervision

Gerade am Anfang des beruflichen Weges oder während einer Ausbildung kann Supervision auch Skepsis hervorrufen.

Dies kann besonders dann der Fall sein, wenn Supervision verpflichtend ist und gleichzeitig vorgegeben wird, bei wem sie absolviert werden muss.

Wenn man die Supervisorin oder den Supervisor nicht selbst auswählen kann oder sich bei der betreffenden Person nicht richtig aufgehoben fühlt, kann dies die Offenheit gegenüber der Supervision zusätzlich erschweren.

  1. Zusätzlicher Zeit- und Arbeitsaufwand

Supervision benötigt Zeit.

Je nach Form gehören dazu möglicherweise die Vorbereitung, das Nachdenken über konkrete Fälle und die eigentliche Supervisionssitzung.

Je nach persönlicher Einstellung kann diese zusätzliche Arbeit als Belastung erlebt werden – sie kann aber ebenso interessant und bereichernd sein.

  1. Konfrontation mit schwierigen Themen

Supervision kann auch bedeuten, mit etwas konfrontiert zu werden, das zunächst nicht angenehm ist.

Vielleicht muss man eigene Entscheidungen infrage stellen, einen Fehler betrachten oder erkennen, dass eine bisherige Sichtweise nicht ausreichend war.

Eine gute Supervision sollte solche Prozesse jedoch nicht nur konfrontativ gestalten, sondern auch darauf achten, dass das Besprochene für die supervisierte Person verständlich und bearbeitbar bleibt.

Fazit: Was Supervision leisten kann

Supervision kann helfen, die eigene berufliche Arbeit mit mehr Abstand und aus zusätzlichen Perspektiven zu betrachten. Sie kann dazu beitragen, schwierige Situationen besser zu verstehen, eigene Sichtweisen zu überprüfen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Gleichzeitig kann Supervision mit Kosten, zusätzlichem Zeitaufwand, Unsicherheit oder auch der Suche nach einer passenden Person verbunden sein. Nicht jede Supervision passt zu jedem Menschen. Wenn jedoch eine gute fachliche und persönliche Zusammenarbeit entsteht und die entsprechenden Möglichkeiten vorhanden sind, kann Supervision eine sehr positive Unterstützung für die eigene berufliche Entwicklung und die Arbeit mit Klientinnen, Klienten oder Patientinnen und Patienten sein.

Autor:
Mag. Wojciech Michalek
Psychotherapeut, Lebensberater

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