Wojciech Michałek

 

 

Wie kann man Angehörigen helfen, die unter Depression leiden?
Was kann man als Angehörige*r für die betroffene Person tun?
Worauf sollte man dabei achten?

Viele Angehörige sind sehr besorgt, wenn jemand aus ihrem engen Umfeld depressiv wird. Oft möchte man helfen, verschiedene Lösungswege anbieten und für die Person da sein. Aus fachlicher Sicht bringt die Aufgabe, Betroffene richtig zu unterstützen, viele Herausforderungen sowie Gefahren (z. B. Selbstausschöpfung, Verschlechterung der Symptomatik) mit sich.

 Die folgenden Ratschläge sollen hier eine erste Orientierung  geben .

1) Stellen Sie sicher, dass es sich tatsächlich um eine Depression handelt – und nicht um eine andere Störung mit depressiven Episoden.

Die Wahl der richtigen Hilfe hängt davon ab, mit welcher Störung man es zu tun hat. Manche andere Störungen werden oft irrtümlich  wie eine Depression interpretiert, da die depressive Symptomatik ist dabei ein Teil einer umfassenderen Grunderkrankung. Aus fachlicher Sicht ist es demnach entscheidend, zunächst zu klären, ob es sich wirklich um eine Depression handelt oder um eine andere psychische Störung, bei der depressive Symptome auftreten können. Diese Unterscheidung spart oft viel Kraft und hilft dabei, die passende Unterstützung zu finden. Gleichzeitig kann es sein, dass man mehr Zeit benötigt, bis dies eindeutig geklärt ist. Hier einige Beispiele:

  • a) Bipolare Störung:
    Bei einer bipolaren Störung wechseln depressive Phasen mit manischen Episoden.  In manischen  haben Betroffene sehr viel Energie, benötigen oft wenig Schlaf und sehen sehr euforrisch alles. Wiederum in depressiven sind diese sehr traurig und haben typische Anzeichen der Depression

Diese Störung ist genetisch bedingt; meist ist hier eine medikamentöse Therapie erforderlich.

  • b) Persönlichkeitsstörung (z. B. emotional-instabil):
    Hier ist die Gefühlslage oft instabil und wechselt stark. Depressive Symptome treten vor allem auf, wenn Betroffene Angst haben, verlassen zu werden. Angehörige können das fälschlicherweise als „normale“ Depression missverstehen. Oft fühlen sich Angehörige dann gezwungen, immer mehr geben und ständig verfügbar sein zu müssen. Das führt allmählich zu Überforderung und kann Wut auf die Betroffenen erzeugen. Hier ist es besonders wichtig, klare Grenzen der Unterstützung zu definieren, zum Beispiel solche, die für Sie als Angehörige möglich  sind. Wichtig ist,s klar zu kommunizieren, welche Hilfsangebote realistisch sind und dabei keine falschen Hoffnungen zu wecken.
  • c) Trauerprozess:
    Eine Depression kann im Zusammenhang mit einem schweren Verlust entstehen. In diesem Fall sind Verständnis, Nähe und ein einfühlsames Dasein von Angehörigen besonders wichtig. Je nachdem, wie man selbst Verlusterfahrungen verarbeitet, kann man hier bestmöglich unterstützen.
  • d) Folge von Überforderung:
    Auch andauernde Überforderung kann in depressive Symptome münden.

 Diese Beispiele dienen nur als vereinfachte Darstellung möglicher Ursachen und sollen zeigen, wie vielfältig die Hintergründe von depressiver Symptomatik sein können.

2) Definieren Sie Ihre eigenen Grenzen.

Die Unterstützung depressiver Menschen erfordert viel Kraft und Geduld. Es ist sehr wichtig, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein und diese zu schützen, um nicht selbst überfordert oder depressiv zu werden. Beim Kommunizieren dieser Grenzen kann man betonen, dass es nicht die Schuld der betroffenen Person ist, sondern dass man nur begrenzte Ressourcen hat. Menschen mit Depression empfinden sich oft ohnehin schon als Last für andere. Wenn sie spüren, dass ihre Angehörigen durch das Helfen erschöpft sind, verstärkt das häufig ihre Selbstvorwürfe und kann die Symptome verschlimmern.

Zudem ist es wichtig, vor überzogenen Erwartungen zu warnen, die zu Enttäuschungen führen könnten. Eine Person mit starkem Einsamkeitsgefühl kann zum Beispiel große Hoffnung schöpfen, wenn Angehörige versprechen, „immer“ für sie da zu sein. Wird diese Hoffnung nicht erfüllt, kann das zu Rückschlägen führen. Klarheit kann hier viel Vorhersehbarkeit geben, zum Beispiel:
„Ich will dir helfen, ich kann aber nur dieses und jenes leisten. Ich sehe, dass du weiterhin leidest und es dir schlecht geht; vielleicht ist zusätzliche Hilfe nötig. Ich kann dich jedoch dabei unterstützen.“

3) Reflektieren Sie Ihre eigene Haltung: Möchten Sie unterstützen oder heilen?

Es ist sehr wichtig, darüber nachzudenken, ob Sie bei der Hilfe die Einstellung haben: „Wir können das ohne zusätzliche Hilfe schaffen, wir werden es selbst heilen“ – oder ob Sie eher denken: „Ich versuche zu helfen, aber wenn es nicht ausreicht, sollte man professionelle Hilfe hinzuziehen.“

Die erste Einstellung kann in Fällen, in denen beispielsweise psychotherapeutische oder pharmakologische Unterstützung notwendig ist, sowohl für die Betroffenen als auch für Sie als Angehörige sehr kräfteraubend sein. Die zweite Einstellung bedeutet, dass Sie helfen möchten, aber gleichzeitig anerkennen, dass eine Heilung möglicherweise professionelle Unterstützung erfordert.

Behalten Sie im Hinterkopf, dass Sie als Angehörige*r zwar sehr wertvolle Unterstützung leisten, aber nicht für die Heilung der Depression verantwortlich sind.

4) Definieren Sie den Zeitpunkt, ab dem professionelle Hilfe nötig ist.

Depressive Symptome wie anhaltende Niedergeschlagenheit, Interessenverlust, Schlaf- oder Appetitstörungen, starke Schuldgefühle oder sozialer Rückzug können Anzeichen dafür sein, dass professionelle Unterstützung gebraucht wird.

Die anderen Artikel in Blog, können verhelfen den Zeitpunkt einzuschätzen: a) Zwei erste Schritte zur Überwindung der Depression

https://psychotherapie-michalek.de/depression-copyzwei-erste-schritte-zur-uberwindung-der-depression-reise-nach-besserungsortdepression-copy/

b) Was hilft bei Depression

https://psychotherapie-michalek.de/zwei-erste-schritte-zur-uberwindung-der-depression-copy/

5) Ermutigen Sie die betroffene Person zu einem Erstgespräch bei Spezialist*innen.

Machen Sie deutlich, dass es sich zunächst nur um eine erste Einschätzung handelt, die zu mehr Klarheit führen soll – nicht um ein Urteil wie „Mit dir stimmt etwas nicht, du musst da hin!“. Den Betroffenen sollte vermittelt werden:
„Du leidest sehr und es könnte dir besser gehen. Es ist nicht notwendig, dass du so lange leidest – es gibt Hilfsmöglichkeiten.“

Es ist hilfreich zu verstehen, dass Menschen mit Depression oft sehr unter ihrer Situation leiden, jedoch das Gefühl haben, nicht herauszukommen – so sehr sie es sich auch wünschen.

6) Seien Sie vorsichtig mit Ratschlägen und Belehrungen.

Gut gemeinte Tipps wie „Du könntest doch Sport treiben“ oder „Schau mal, wie viel Gutes es gibt“, können für Betroffene unterschiedliche Folgen haben. Da Menschen mit Depression oft unter inadäquaten Schuldgefühlen und starker Selbstkritik leiden, besteht das Risiko, dass gut gemeinte Ratschläge als zusätzlicher Druck wahrgenommen werden, zum Beispiel die Betroffenen können denken: : „Ich bin so schlecht, dass ich mich nicht einmal darüber freuen kann – was für ein undankbarer Mensch bin ich“
Betroffene wissen oft auf rationalen Ebene, dass es Grunde zu Freuen gibt, emotional freut dies aber gar nicht . Solche Tipps können Gefühle von Schuld oder Versagen verstärken.

  • Sport-Beispiel:
    Für manche ist Bewegung hilfreich, um Abstand von der depressiven Belastung zu gewinnen. Für andere löst dieser Vorschlag eher Schuldgefühle aus („Ich kann gar nichts, nicht einmal Sport kriege ich hin“). Da Außenstehende die innere Gedankenwelt der Betroffenen selten vollständig kennen, kann ein vermeintlich harmloser Hinweis zusätzlichen Druck verursachen.
 

Fazit

Eine Depression ist eine ernstzunehmende Erkrankung, die komplexe Ursachen haben kann. Als Angehörige*r können Sie viel bewirken, indem Sie Verständnis zeigen, verlässliche Unterstützung anbieten und helfen, den Weg zu professionellen Hilfsangeboten zu ebnen. Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu kennen und sich nicht selbst zu überlasten.

Herzliche Grüße,

Autor, Wojciech Michalek, Psychotherapeut, Lebensberater

 

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(Hinweis: Dieser Text bietet allgemeine Hinweise und ersetzt keine professionelle Beratung oder Diagnose. Bei konkreten Fragen oder im Krisenfall sollten Sie umgehend fachliche Hilfe in Anspruch nehmen.)

 

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